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3 Jahre, 3 Monate, 3 Wochen, 3 Tage

25. Dezember 2014

[Titel ist selbständig zu verleihen]

Ein Epos – umrissen in 13 Motiven

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DVCVNT VOLENTEM FATA – NOLENTEM TRAHVNT“

(Seneca)

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Es begab sich einmal im Herzen von Europa, das damals noch vom Zweiten Dreißigjährigen Krieg darniederlag, dass eine reife Seele geboren wurde in jenem Landstrich, den einst die wilden Chatten bevölkert hatten vor vielen Jahrhunderten.

Und diese Seele, die da geboren ward, wuchs heran unter dem Schutz eines großen Geistes, der seit Äonen durch die Menschheitsgeschichte zieht, Mensch um Mensch inspiriert und leitet, und der sich für seine neueste große Tat ein ganz besonderes Elternpaar ausgesucht hatte.

Das Väterschicksal

Der Vater nämlich trug einen Familiennamen, der an Mose, den Stifter des Gesetzes der Israeliten erinnerte, und seine Mutter trug den Familiennamen des vielleicht größten Deutschen Mystikers des Mittelalters, den des Meister Eckart.

Der Vater war außerdem ein Ungarndeutscher, der nach dem Krieg vertrieben worden war aus seiner Heimat und aus seiner Muttersprache. Aus Frust über seine ungarischen Staatsgenossen nämlich, die ihn damals in ihrem wahnhaften Hass einfach vertrieben hatten, wollte sich der Vater niemals wieder der ungarischen Sprache bedienen.

Nun fand er sich also wieder im zertrümmerten, ehemaligen ‚Deutschland‘: Nach der totalitären ‚deutschen‘ Nazi-Diktatur, die die Söhne und Töchter des Landes erst jahrelang verblendet und dann für irre Fantasien einiger Weniger in grausamem weltweitem Gemetzel verschleudert hatte, und nach dem daraus folgenden monatelangen Bombenhagel auf diejenigen unter den verbliebenen Söhnen und Töchtern des Landes, die leider Gottes in den größeren Städten wohnten und nicht in der Nähe irgendwelcher Industrieanlagen mit zufällig ‚amerikanischen‘ Investoren – da wurden die bereits von den verschiedensten Fürsten-Dynastien über Jahrhunderte hinweg geschundenen, und von Hitler dann endgültig zwangs-vereinigten Deutschen Völker nun immerhin ’nur noch‘ von einer amerikanischen Militärjunta regiert, die als ihre Hauptaufgabe sah, den Ausbau des von ihnen besetzten Landes zur Front gegen ‚den bösen Russen‘ voranzutreiben und dazu das übrige Deutsche Volk entsprechend diesen Zielsetzungen anzupassen – möglichst ‚human‘, denn noch war Amerika im global-politischenen Maßstab ein halbwegs geachtetes Land.

Vom Schicksal geschlagen also war schon der Vater unseres Protagonisten – wie ja fast alle unter seinen Deutschen Volksgenossen dieser Generation, welche nach dem Großen Krieg nicht im von den ‚Vier Mächten‘ besetzten Rumpf-Deutschland lebten – wie die Meisten derer war nämlich auch der Vater unsres Helden vertrieben worden aus der Heimat, und so verdammt zu einem Leben in einer Umwelt, deren Sprache er kaum kannte und deren traumatisierte Gesellschaft ihn noch dazu wie einen Fremden behandelte – obwohl es doch der Boden auch seiner Ahnen war.

Geburt in die Hölle auf Erden

Im Schicksal dieses Vaters unseres Helden also spiegelt sich bereits die ganze verheerende Spaltung Europas wider, die sich bald auch in der steinernen Mauer durch Berlin und in all den Todesstreifen durchs Land manifestierte; der Eiserne Vorhang, er hing schwer über dem Kontinent. Dieses allgemein-europäische, wie auch konkret-familiäre Trauma würde noch von Bedeutung werden im Schicksal des Sohnes dieser Eltern, der da geboren ward am Namenstag seines Vaters – und geboren wurde dieser Sohn somit auf den Tag genau zehn Jahre nachdem in Syrien das Joch der Kolonialherren abgeschüttelt worden war, auf den Tag genau 39 Jahre nachdem Lenin das erste Mal öffentlich seine revolutionären ‚Aprilthesen‘ referiert hatte, und auf den Tag genau 166 Jahre nach dem Tod von Benjamin Franklin, dem großen ersten Befreier Neo-Nord-Amerikas, dessen selbstgewählte Grabsteininschrift von dem Wunsch kündet, als ‚verbesserte Ausgabe Seinerselbst wiederzukehren ins Leibliche‘ – eine Geburt der großen Veränderungen war dies Kind also, ob es das wollte oder nicht.

Als der zweit-jüngste Spross dieser Liebenden, wie der Traumdeuter Josef einst der Zweitjüngste war unter den Söhnen Jakob-Israels, trat also ein Junge in diese Erdenwelt ein, den man taufte auf den Namen ‚Georgios‘, das heißt: ‚der die Erde bearbeitet‘ – als ein metaphysischer Ackerbauer, wie schon Kain einer war. Doch vielmehr wie dessen Bruder Abel (in seiner Wiederkehr als Set) sollte der kleine Georgios später ein Priester Gottes werden. Und die Urspaltung der Menschheit, jener Widerstreit von ‚Kain‘ und ‚Abel‘, von ‚Erdenmensch‘ und ‚Himmelsmensch‘, wirkt nach bis in das individuelle Schicksal des Georgios hinein, und zwar als eine Grundtendenz der lebenslangen Reise dieses unbesung’nen Helden unsrer Erzählung.

So begab es sich in Georgios‘ Jugend, dass er auf Gottes Wege gelangte, obwohl er einer so wenig religiösen Familie entstammte und in einer derartig gottvergessenen Zeit und Gesellschaft lebte; in einem ‚Staat‘, der sich als ’säkular‘ bezeichnet, sich als ‚aufgeklärt‘ versteht, aber gleichzeitig von seinen seit Jahrzehnten indoktrinierten Bürgern ein bedingungsloses Bekenntnis zu einem unter Gefängnisstrafandrohung nicht zu hinterfragenden Gründungsmythos verlangt, dessen Folge eine kollektive Erbschuld ist, mit der ein jeder Ureinwohner geschlagen ist, und die implizit eine Schuldknechtschaft auf ewig mit sich bringt, die allerdings aus ‚Rücksicht‘ auf besagte Ureinwohner als ewiger ‚Außenhandelsüberschuss‘ bezeichnet und somit zum ‚Beweis deutscher Tüchtigkeit‘ verklärt wird … Die Bezeichnung der Identitätskarte für BRD-Insassen als ‚Personal-Ausweis‘ könnte also treffender nicht sein: Man ist in erster Linie ‚Personal‘. Ethnischer ‚Deutscher‘ zu sein in der BRD – das ist das gedankliche Kainsmal, subtil verhängt von einer unsichtbaren weltlichen Obrigkeit.

All das konnte Georgios dennoch nicht davon abhalten, den Weg zu Gott zu suchen.

Ja, er war beizeiten wirklich ‚erfüllt vom Heiligen Geist‘, wie es schon die alten Propheten Israels waren. Und wie damals es der Erzengel Michael, der ‚Drachentöter‘ war, der als die israelitische Volksseele die Worte des Herrn durch einen Elia gesprochen hatte, um sich seinem ersterwählten Volk zu enthüllen – so war es auch heute wieder der Erzengel Michael, nun als der Volksgeist der Deutschen, der seit einigen Jahrhunderten hier und da die Inspirationen Gottes all den von Geist Erfüllten offenbarte. Auch Georgios hin und wieder.

Der Erzengel Michael und Europa

Und Michael sprach und wirkte durch so viele, sei es durch Goethe, sei es durch Novalis, sei es durch Schiller, sei es durch Schelling oder Hegel oder Fichte. Oder durch Nietzsche, bis dieser sich dann dem ‚Antichrist‘ übergab. Und nicht zuletzt sprach der Engelsfürst Michael noch ein wenig durch Johanna Arendt, die in ihrer Ablehnung sowohl des National-Sozialismus, als auch des National-Zionismus letztlich Deutsche und Juden tatsächlich einander näher bringt, wo es all die Spalter bisher zu verhindern suchten. Indem nämlich die gute Hannah als ‚Deutsche Jüdin‘ und ‚Jüdische Deutsche‘ sowohl ‚Deutschen‘ als auch ‚Juden‘ den zu gehenden Weg aufzeigt, statt ihn belehrend auszusprechen. Indem sie sich einfach ’nur‘ nicht aus persönlicher Sympathie auf eine der Seiten stellt, gelingt es ihr, fundamentale Gemeinsamkeiten zu finden, um dann gerade aus den Unterschieden voneinander lernen zu lassen – gegenseitige Befruchtung statt negierendes Einander-Aufheben. Und aus Heideggers ‚Leben zum Tode hin‘ wird das ‚Leben von der Geburt her‘. Ach, würde doch ein jeder einfach nur die Banalität des Bösen begreifen – es wäre sofort alles klar!

Wenn der Erzengel Michael also auch durch niemanden je wieder ‚direkt‘ sprach seit dem Täufer, sondern ’nur noch‘ aus dem Hintergrund ‚inspirierte‘ – die Zeit der klassischen ‚Propheten‘ war schließlich zu Ende gegangen mit Mohamed damals, dem ersten wahrlich wirkmächtigen Reformator des Christentums, der als ‚Siegel der Propheten‘ um das siebte Jahrhundert herum allerdings vom Engelsfürsten Gabriel inspiriert war, anstatt wie zu Elias Zeiten und heute wieder vom Drachentöter Michael – Europa hatte und hat einen großen Schutzengel; ob nun jemand davon wusste, oder nicht.

Doch die dunkle Zeit des Zweiten Dreißigjährigen Krieges hatte kommen müssen, nach welchem man dann nicht einmal mehr wagte, allen Ernstes etwas derartiges, wie ‚vom Geist Gottes erfüllt zu sein‘ auch nur metaphorisch auf einen noch lebenden Menschen bezogen zu sagen – ein effektives Denkverbot dieser Art wurde langsam aber stetig verhängt über der Welt, durchgesetzt vor allem in Form von Institutionen unter den Geistern namens ‚Aufklärung‘, ‚Ausbildung‘ und ‚Psychatrie‘; und dieser schleichende Prozess der gedanklichen Fesselung in den Atheismus hinein wurde natürlich gut verschleiert hinter e i n e m grausamen Schauspiel zur Ablenkung nach dem anderen; ‚Great War‘, ‚Zweiter Weltkrieg‘, ‚Cold War‘; ‚Bürgerkriege‘, ‚Glaubenskriege‘, ‚Stellvertreterkriege‘, ‚Aufstände‘, ‚Befreiungskriege‘, ‚Revolutionen‘ und ‚Terroranschläge‘ (samt dialektischer ‚Terrorbekämpfung‘). Doch all das zunehmend außerhalb Europas. So konnte man sich immer sagen: ‚Wir ham’s ja noch relativ gut hier im ‚befreiten‘ Europa …‘

Und dieser Europäische Grabesfrieden von 1945 bis etwa 1994 sollte sich als schwere Bürde für den Rest der Erde erweisen.

Es wurde aber Zeit, dass dem Antichrist etwas entgegengesetzt werde, der sich da langsam seiner selbst bewusst wird in den Seelen all der alleingelassenen Menschen einer (höchstens noch post-) ‚demokratischen‘ Massengesellschaft. Der Erzengel Michael, bekanntlich ‚Fürst der geistigen Sonne‘, wie Gabriel der ‚Fürst des geistigen Mondes‘ ist, bereitete also seit Jahrhunderten den Alten Kontinent vor; in Manchem bewusst, doch in den Meisten noch heimlich.

Europa würde zu sich selbst finden müssen, oder mit seinem dunklen Schatten untergehen. Denn der dunkle Schatten würde nicht von selbst verschwinden, solange er unterfüttert wird von all der Stumpfheit in den Herzen, die immer wieder den Blick auf das Wesentliche für die einfachen Menschen zwangsläufig mit voreiligem Egoismus verstellt.

Erwachsenwerden

Ja, unser Georgios war, wie wir alle, in eine Welt geworfen, die für Erkennende oft lange Zeit wie eine Strafe für ein früheres Leben erscheint. Doch dies war nur ein Grund mehr für Georgios, dem Wort Gottes zu folgen, das ihn beseelte – ihm zu folgen auf jede Art, wie es ihm Gottes Gnade erkennen ließe.

Und eines Tages, auf einer kirchlichen Exerzitie für fromme Familien, wo sich Georgios gerade als ehrenamtlicher Betreuer verdient machte, da fand der junge Mann eine schicksalhafte Liebe. Er konnte damals nicht wissen, dass diese Liebe auf lange Sicht nicht den beiden Liebenden selbst zu dienen bestimmt war, sondern den Kindern, die aus dieser Liebe einst hervorgehen würden in Gottes Gnade.

Bis dahin aber genoss Georgios einige Jahre sein Mitschaffen am Leben, an Familie, Gesellschaft und Kirche, und das alltägliche Verfolgen von sehr wohl gewählten Idealen – und weise sah er das Ziel stets im Weg selbst; solange der Weg ihm denn richtig erscheine.

Und Georgios studierte. Die Welt, Gott – und nach der Schule auch formal die Theologie an der Universität zu Gießen. Er strebte inzwischen aus ganzem Herzen die Priesterschaft einer reformierten Kirche an. Und so schrieb er sein Abschlussexamen über den großen Martin Luther und dessen Verständnis der ‚Buße‘ im Christentum.

Einweihung durch das Schicksal

Und mit der Zeremonie seiner Berufung zur Priesterschaft, bei der er aus tiefstem Herzen sein Leben Gott dem Allmächtigen übergab, nahm sich Gott seiner ganz individuell an: Ein jeder wahrhaft nach Religion Strebende nämlich, der in vollem Bewusstsein diesen Weg einschlägt, der erhält von Gott alle Mittel an die Hand, auch tatsächlich in das Mysterium der Menschheit eingeweiht zu werden. Wie dies dann genau geschieht, ist dem Schicksal des Einzelnen überlassen.

Und so kann es sein, das einem ein ganz konkreter Lehrer erscheint unter den Mitmenschen, von dem man die nötigen Impulse sehr ausdrücklich bekommt. Oder man stößt auf die nötige Literatur, und eignet sich die Dinge somit scheinbar ’selbst‘ an. Oder aber – sozusagen im äußersten Fall – die materiellen und sozialen Umstände selbst werden zu Lehrern der Einweihung, sodass persönliche Lebenssituationen den betreffenden Suchenden die notwendigen Erfahrungen geradezu zwangsläufig machen lassen. Doch in den meisten Fällen würde es wohl eine Mischung aus allen dreien dieser Wege sein.

Und natürlich würde ein Mensch, der sich explizit dem Christentum verschreibt, in aller Regel auch eine explizit christliche Einweihung durchmachen dürfen.

Diese spezielle Einweihung hat traditionell sieben Grade, die in ihrer Summe das Leiden, das Sterben und die Auferstehung Jesu Christi seelisch nachempfinden lassen.

Und wenn die Priesterschaft eines Menschen diesen nicht bereits in der Ausbildungszeit bewusst durch diese sieben Grade geführt hat, dann senkt sich eben Gottes Gnade hin und wieder in Form von ganz handfesten äußeren Ereignissen hernieder auf den Suchenden, um ihm das Werk Jesu Christi auf diese sehr direkte Weise nahezubringen. Gottes ‚Notfallplan‘ für schlimme Zeiten, sozusagen … Dann kommt es nämlich im persönlichen Leben des Suchenden spätestens alle sieben Jahre zu einem mehr oder weniger ‚einschneidenden Ereignis‘, dessen seelische Verarbeitung danach für ihn den Inhalt des jeweiligen Einweihungsgrades bildet. Je bewusster der Initiand sich dann dabei dieses Einweihungsprozesses ist, oder sich dessen nach und nach bewusst wird, desto ‚angenehmer‘ werden in der Regel die erforderlichen schicksalhaften Ereignisse. Das Wort ‚angenehm‘ sei dabei verstanden in einem ganz traditionellen Sinne – denn was traditionell ‚unangenehm‘ ist, ist nicht zwangsläufig auch ‚unangenehm‘ in einem höheren Sinn, im verstehenden Rückblick etwa. Nur, wenn Gott noch Größeres mit einem im Sinn hat, würde er wohl eine dieser Grundregeln brechen, wenn es denn sein muss.

Einer derartigen Einweihung ‚durch das Schicksal selbst‘ also sollte unser Held Georgios teilhaftig werden. Bis zum ‚ersten Grad‘ seiner Einweihung aber galt es zunächst, die von der Welt gefangene Seele Stück für Stück in einen aufnahmebereiten Zustand zu versetzen, sie zu ‚läutern‘.

Läuterung

Georgios lebte also nun in Gottes Gnade zusammen mit seiner Lieben, die auch noch mit dem Namen ‚Hannah‘ gesegnet war; denn dieses Wort bedeutet ‚Gnade‘. Bald nachdem sich das junge Liebespaar verlobt hatte, kam es zunächst zur ‚Erwählung‘ dieser zwei Menschen durch die Seele ihres späteren ersten Sohnes – ganz genau diese Beiden nämlich sollten der hinabsteigenden Seele einen Leib bereiten. Diese Seele hatte dieses Mal nur kurz in den Himmeln geweilt, nachdem sie ihre letzte Teil-Mission auf Erden zumindest halbwegs erfolgreich abgeschlossen hatte im Jahre 1975. Die Vollendung dieser Mission aber ist Stoff für einen eigenen Epos, so Gott will – daher wollen wir an dieser Stelle nicht weiter eingehen darauf …

Noch mehr als ein Jahrzehnt sollte aber vergehen, bis unser Held Georgios seine eigene ‚Läuterung‘ würde hinreichend betrieben haben, bis der junge Priesteranwärter selbst ein Vater werden würde, leiblicher Vater besagter Seele, die erst noch auf den richtigen Zeitpunkt wartete. Und die Hochzeit der Eltern fand statt im Jahr 1980.

Und das Jahr 1984 verstrich ganz unbemerkt, unbemerkt von all den Viel-zu-Vielen wenigstens; als hätte diese Zahl nicht schon viel früher angefangen die herrschende Zeit zu benennen, als würde es tatsächlich ab Januar 1985 ganz höflich wieder ‚aufgehört‘ haben, jenes herbeigeschriebene Szenario eines ‚Großen Bruders‘. Georgios freilich dachte in diesem Jahr, in dieser orwellesken Welt, in der er nun mal zu leben hatte, immer mal wieder an seinen alten Namensvettern …

Im Jahr 1986 aber begab es sich, dass Georgios sich aufmachte in die Heimat der Väter, nach Ungarn. In den Jahren zuvor hatte Georgios sich – ‚Kainit‘, wie er war – eigenständig die nicht ganz einfache ungarische Sprache angeeignet, hatte Kontakt zu den vergessenen Verwandten im Madjarenland aufgenommen und sodann alles dafür getan, dass die durch den Kalten Krieg auch ganz ‚offiziell‘ getrennten Familienzweige endlich wieder zueinanderfinden, nach nun bereits fast vierzig Jahren der ‚Befreiung Europas‘.

Sicherlich nahm Georgios all diese Mühen auch deshalb auf sich, weil er hoffte, auf diesem Weg seinem lieben Vater wieder ein wenig näher zu kommen.

So kam es durch Gottes unermessliche Gnade, hier im Konkreten vermittelt durch das entschlossene Handeln des nach Versöhnung trachtenden Georgios, zur Wiedervereinigung einer zerrissenen Familie; und Heilung setzte langsam ein, auch die Heilung Europas.

Mit der Wiedervereinigung seiner Vatersfamilie hatte Georgios also nun, inzwischen ein gestandener Mann von 30 Jahren, seine Seele durch äußere Taten hinreichend geläutert, dass seine eigentliche ‚Einweihung durchs Schicksal‘ angestoßen werden konnte. Georgios war bereit – ob er das zu diesem Zeitpunkt wusste, oder nicht.

Die ‚Fußwaschung‘

So kam es also, dass der allmächtige Vater in den Himmeln langsam damit begann, unseren lieben Georgios, sein geschätztes Erdenkind, einzuweihen in die Geheimisse des Kosmos – immer dem urchristlichen Weg folgend, auf den schon das große Vorbild Luther stets zurück wollte mit seinem Versuch der ‚Reformation‘.

Und der erste Grad der Einweihung musste natürlich die sogenannte ‚Fußwaschung‘ sein: Die praktische Erkenntnis, dass alles in dieser unserer Welt auf dem Niederen aufbaut – die Pflanze auf dem Mineralreich, das Tier auf dem Pflanzenreich und der Mensch schließlich auf dem Tierreich, das dem Gottesgeist erst den Fleischesleib bereitet hatte über die Jahrmillionen der materiellen Evolution hinweg. Und dass also selbst das Höchste in der Welt immer auch dem Niedersten seine Existenz verdankt; eines baut auf dem anderen auf, und dieser Pyramidenbau der Welt ist keine Wertung der verschiedenen Ebenen an Bausteinen. Wie ja auch die Generationen der Menschen nicht einander ablösen, um die eigenen Ahnen etwa zu vergessen oder gar zu schänden, sondern um ihr Andenken zu ehren und mit ihrer treuen Hilfe letztlich gerade über sie hinauszuwachsen.

Für Georgios ersann das Schicksal nun für diesen ersten Grad zunächst ein ganz traditionelles Ereignis als persönliche Herausforderung: Die Schwangerschaft seiner Frau nämlich, das heißt: die Aussicht, selbst Vater zu werden, eine neue Generation zu begründen.

Dies geschah aber im Jahre 1987. In diesem Sommer reiste die werdende Familie wieder in das Land von Georgios‘ Vorvätern, ins Reich der Madjaren. Und im Bauch der werdenden Mutter diesmal dabei: der werdende Sohn des werdenden Vaters Georgios.

Als dann Anfang des neuen Jahres der Sohn geboren war unseren jungen Eltern, da tauften sie ihn, der er am Gedenktag der Jordantaufe das Licht der Welt erblicken durfte, intuitiv auf den Namen des Täufers; Jochanan, das heißt: ‚eine Gnade Gottes‘ und ‚Gott ist gnädig‘. Denn Georgios hatte den Grad der Fußwaschung endgültig errungen.

Und als die zwei jungen Eltern mit ihrem Kind dann ein Jahr später wieder im Ungarnland waren, dort einige Tage ihren Urlaub genossen hatten – da geschieht plötzlich etwas unerwartetes in der Weltgeschichte: Der Eiserne Vorhang fällt! Er beginnt zumindest aufzureißen, und zwar an Ungarns Grenze zu Österreich. Und von da an ist ein Damm gebrochen, der nicht wieder gestopft werden kann: Deutsche aus der sogenannten ‚DDR‘, aus jenem eingezäunten Experimentiergehege einiger global agierender Oligarchen vermeintlich ’sozialistischer‘ Prägung also – Deutsche aus dieser DDR strömen in Scharen über den Umweg des Madjarenlandes hinüber zu ihren Brüdern auf der andern Seite, und gen Norden in die sogenannte ‚BRD‘, also ins ‚kapitalistische‘ Äquivalent zur DDR, das zumindest nicht mehr eingezäunt aussieht und das sogar eine Art ‚Schweigegeld‘ (vorwiegend in Form von Massen an seelenlosen Konsumgütern) an die Unterjochten zu zahlen scheint.

Noch stand freilich in Berlin die Mauer. Doch mit leiser Zuversicht kehrten Georgios und sein liebes Weib samt dem Kindlein heim nach Deutschland. Und, wie extra für Georgios, zeigte sich schnell, dass mit dem Riss durch den Eisernen Vorhang an der ungarischen Grenze – also quasi ‚in der äußersten Provinz‘ – nun nach und nach das ganze Sowjet-Reich zerfallen musste. Wenn die Basis nämlich bröckelt, der nur scheinbare ‚Rand‘ der Gesellschaften – dann bricht das Fundament bald ganz weg. Deshalb wusch Jesus seinen Jüngern einst die Füße – damit sie nicht den Weg alles Weltlichen gingen, sondern auch das Niedere stets in Ehren halten würden, wie ihr Herr es eben mit ihnen getan.

Als kleines, augenzwinkerndes Zeichen der Ermutigung für Georgios sandte ihm das Schicksal einige Monde später einmal einen Menschen, der ihm bei einem sommerlichen Spaziergang begegnete, als Georgios gerade mit dem kleinen Jochanan im Kinderwagen durch den Ort schlenderte. Der Mensch hörte, wie das Kind die ganze Zeit am Sprechen war – keine verständlichen Worte natürlich, nur kindliches Gebrabbel, aber scheinbar mit großer Freude daran – da sprach der Mensch zu Georgios, dem jungen Vater des plappernden Kindes: ‚Dies Kind wird einmal ein Sport-Reporter – oder aber ein Prediger.‘

Diese lustige Begegnung vermerkte Georgios später zuhause in seinem kleinen Büchlein, in dem er regelmäßig seine Gedanken und Erlebnisse als ein erstmaliger Vater in diesem Leben niederschrieb. Auch wegen all dieser Sorgfalt im Umgang mit seinem Kind und ob seiner allgemeinen Selbstaufopferung für die kleine Gemeinde seiner Priesterschaft schenkte ihm Gott schon bald, im Jahr 1991, ein zweites Kind; und dieses Mal wurde ihm von seiner Frau eine Tochter geboren. Diese Tochter nun tauften die Eltern auf den Namen Helena, das heißt: ‚die wie die Sonne strahlt‘.

‚Verrat und Geißelung‘

Die ‚Geißelung‘ der Welt begann, kurz nachdem in Berlin die Mauer gefallen war, mit einem üblen Verrat durch die Versammlung ihrer Führer im Höchsten Gremium: Ein Taschenspieler täuschte dort vor erbaulicher Kulisse dem gemeinen Pöbel am Fernsehbildschirm vor, das altehrwürdige Mesopotamien sei zum Hort von ‚Baby-mordenden Barbaren‘ geworden – und alle waren sich schnell einig, man müsse das Land unbedingt sofort ausgiebig bombardieren. Das Neue Babylon schändete also nun das Alte, seine eigene verleugnete Herkunft.

Es musste aber nun dieser zweite Grad der christlichen Einweihung, die ‚Geißelung‘, auch von unserem Georgios bewältigt werden. Daher entzündete von nun an sein Schicksalsengel hin und wieder die Innereien des Georgios, ließ ihn auf diese Weise körperlichen Schmerz erleiden – ‚geißelte ihn‘, solange, bis er das Leid stoisch erdulden würde können, ohne sich seines Schicksals zu erwehren – Georgios ging sogar gezwungenermaßen den Weg über die gottlosen Medizinmänner der Schönen Neuen Welt, die in jenen profan-satanischen Tempeln wirken, welche nicht nur im Volksmund so treffend ‚Häuser der Kranken‘ genannt werden. Auf diesem ‚modernen‘ Weg der Behandlung, dem Arbeiten mit einem entarteten hippokratischen Dogma, lassen sich tatsächlich sehr gut Symptome bekämpfen – so auch bei Georgios. Doch echte Heilung, Heilwerdung des Unheilen, findet sich in ‚Krankenhäusern‘ folgerichtig nicht – die seelischen Lektionen können nicht körperlich vermittelt werden.

Daher musste das Schicksal für die Vollendung des zweiten Grades der christlichen Einweihung einen schmerzhaften Weg gehen, um Georgios auch jenen tiefen Schmerz zu vermitteln, den Jesus Christus durch den Judas-Verrat erlitten hatte und den er dann durch seine Auferstehung und Himmelfahrt für die Nachwelt geradezu transformierte in ein Heiliges. Georgios musste nun also hierzu noch einen seelischen Schmerz zu überwinden schaffen, wie ihn nur ein subjektives Erlebnis des Verrates erleiden macht.

Und so opferte sich der Vater des Georgios – schweren Herzens, aber den Willen Gottes doch aus dem Innersten heraus aufrichtig bejahend – hin für die Mission seines Sohnes: Er verstarb in Frieden, ging hinüber mit seinem Engel, wissend, dass die Trauer, die er hinterlassen würde, seinen Kindern – und besonders seinem langjährigen Nesthäkchen, dem Zweitjüngsten – noch zum Geschenk werden würde in Gott des Allmächtigen all-erbarmender Gnade. Denn im Kampf mit sich selbst, in seinem Umgang mit seinem Vater und mit seinem eigenen Vatersein – da erschloss sich Georgios wie ‚ganz nebenbei‘ die Essenz des zweiten Grades der christlichen Einweihung: Er erkannte die Funktion des sogenannten ‚Bösen‘, des Ungerechten, des Schmerzes, des Leidens – und des in ständigem Widerstreit liegenden, beizeiten zur Verzweiflung bringenden schlechthinnigen Laufes der Welt und eines jeden Menschenlebens.

Aus dieser Sichtweise heraus, die neues Feuer entzündete in seiner lang gereiften Seele, ergab der Tod des Vaters endlich Sinn auch für Georgios. Sicher wünschte er sich auch jetzt noch hin und wieder, dass er ein letztes klärendes Gespräch mit seinem Alten Herrn hätte führen dürfen. Doch im Bewusstsein, dass er dieses Gespräch zweifellos geführt hat, nur eben ‚in den Himmeln‘ – ob nun schon während seines derzeitigen Lebens in einem seiner bisher nicht-erinnerten Träume, oder doch erst nach seinem eigenen Tod eines Tages – er kann heute mit der Tatsache gut leben, dieses Gespräch derartig ‚verschoben‘ zu haben in Zeit und Raum, aus Zeit und Raum hinaus. Denn gerade im Schweigen finden wir Menschen der Erde noch die wahrhaftigsten Worte füreinander.

Nun war es aber in diesen Jahren auch nicht so, dass in Europa nur Georgios zu leiden gehabt hätte – in diesem Jahrzehnt nämlich kehrte der militärisch ausgetragene Krieg wieder zurück– man muss leider fast sagen: ‚heim‘ nach Europa. Und das stolze Serbische Volk wurde als eines der letzten noch halbwegs freien Völker auf diesem Subkontinent endgültig vom Westlichen Imperium unterworfen, das zunehmend herzlos von Europas dunklem Schatten ‚Amerika‘ angeführt wurde.

‚Dornenkrönung und Kreuzgang‘

Georgios betrat also den nächsten Abschnitt auf dem Pfad – und begann zunächst unbewusst zu Arbeiten am dritten christlichen Grad namens ‚Dornenkrönung und Kreuzgang‘.

Aber erst um die Jahrtausendwende herum offenbarten die Umstände des Schicksals, welcher Herausforderung Georgios sich hierfür in der harten Welt des Materiellen zu stellen hatte: Er musste am eigenen Leib erfahren, für ein Tun des Richtigen verspottet zu werden von den Unverständigen, und er muss in diesem Zusammenhang erkennen, was es heißt, als Person gesellschaftlich ’sein Kreuz zu tragen‘.

Und die erforderliche einschneidende Lebenssituation, die unserem aufstrebenden Priester für die Arbeit dieses dritten Grades nun bereitet wird, manifestiert sich namentlich in Form eines handfesten Streites um zwei Kirchgebäude in seiner damaligen Gemeinde. Zusammengefasst: Alt oder Neu? Konservativ oder Progressiv? Nostalgie oder Nützlichkeit? Aber ganz so eindimensional stellte es sich eigentlich dann doch gar nicht dar. Man versuchte nur von vielen Seiten, eine derartige Eindimensionalität herzustellen, um möglichst unbemerkt größtenteils eigennützige Interessen zu verfolgen oder einfach nur, um ‚irgendwie mitreden zu können‘. Die wahre Geschichte sei aber die Folgende …

Ursprünglich verfügte die Gemeinde des Georgios über ein ganz traditionelles Kirchgebäude, eine typische, schlicht gehaltene ‚Dorfkirche‘ mit kleinem Kirchturm, die im nächsten Jahr 300 Jahre alt sein würde.

Seit Jahrzehnten aber betrieb die Gemeinde nun vor allem eine sehr ’neumodische‘ Kirche, deren Grundkonzept auf geometrischen Formen beruhte, vor allem auf Sechsecken. Außerdem war dieser Neubau sehr ‚multifunktionell‘ gehalten, sodass etwa der Saal für den Gottesdienst in kürzester Zeit zu einem bloßen Gemeinschaftsraum umgebaut werden konnte, indem einfach der aus einigen stufenhohen Dreieck-Elementen lose zusammengesetzte Altarbereich an den Rand gerückt und die Stuhlreihen neu aufgestellt wurden.

Die Alte Kirche der Gemeinde war während dieser Jahrzehnte vermietet an eine ägyptisch-stämmige Kopten-Gemeinschaft. Diese Kopten jedoch würden nun bald ausziehen und die Gemeinde des Georgios hätte wieder selbst für das Gebäude zu sorgen.

Aus Machbarkeitsgründen der Bewirtschaftung kommt es daher zu einem folgenschweren Beschluss des Kirchenvorstands: Die Alte Kirche soll wieder die einzige Kirche sein. Die ‚Moderne‘ soll hingegen verkauft werden, und die Gemeinde soll dafür ein neues Gemeindezentrum von der Obrigkeit finanziert bekommen.

Das Problem: Der Beschluss wurde gefasst und in den Raum gestellt, abgestimmt wurde hinter verschlossenen Türen – die Gemeindeglieder fühlten sich übergangen und witterten einen ‚Komplott‘, auch einige der beim Beschluss überstimmten Kirchenvorsteher schlossen sich der Rebellion an.

Es spitzte sich also zu auf die Frage nach der größeren Bedeutsamkeit: Alte oder Neue Kirche? Einander gegenüber gestellt hätte der Kontrast kaum größer sein können: Die ‚Alte‘ war eben ‚alt‘, drei Jahrhunderte fast, vom Bau her ganz traditionell, schlicht, fast ‚jesuitisch‘, könnte man plakativ sagen – man sagt, Napoleon hätte in der Kirche einmal gerastet. Und die ‚Neue‘ war eben recht ‚modern‘, ‚freimaurerisch‘ gewissermaßen, mit ihrem architektonischen Fokus auf Geometrie und durch die Tatsache, dass ihr Turm sechseckigen Grundrisses exakt auf jener Ley-Linie platziert war, auf der auch ‚Messeturm‘ und ‚Europaturm‘ stehen; das heißt also jener provokant obelisken-hafte Büro-Wolkenkratzer am Messegelände Frankfurts, in dessen Schatten eine der weltweit 12 ‚Hammering Man‘-Figuren aufgestellt ist; und jener das unsichtbare Kommunikations-Netz über die Stadt spannende Funk- und Fernmeldeturm, der wie der ‚Luzifer-Stern‘ jeweils morgens und abends rötlich erleuchtet über der Skyline wacht mit seinen 337.5 Metern Höhe.

‚Abel und Kain‘, mal wieder …

Kurz und knapp: In dieser allgemeinen Stimmungsmache, oft bar jeder fachlichen Kompetenz, erreichte der Spott bald einen Höhepunkt in offenkundig ‚gesponsorten‘ Kleinst-Demonstrationen vor der Kirche, wobei dem bemitleidenswerten Georgios, der doch nur das Beste für seine lieben Schäfchen will, vorgeworfen wird, ‚unsre Kirche verschachern zu wollen‘. Er wird dazu in die Öffentlichkeit gezerrt und von Leuten verleumdet, die ihn nie persönlich kennengelernt haben. Denn so ist das in dieser Welt.

Das Ergebnis all dieser Streitereien war dann irgendwann, dass unter finanziellem Ächzen der Obrigkeit doch beide Kirchgebäude für die Gemeinde erhalten wurden.

So waren also am Ende zwei Kirchen vereinigt in einer Gemeinde – ‚Kain und Abel‘ waren versöhnt für den Moment. Zu opfern hatte hierfür Georgios ’nur‘ seinen Ruf. Der Name der Gemeinde war aber ‚Haus des Brotes‘ – und alle sollten in Zukunft vom Brot Gottes satt werden; ‚Kainskinder‘, wie ‚Abelskinder‘.

Für den augenzwinkernden Abschluss der ganzen ‚Spott-Prüfung‘ in diesem dritten Grad der christlichen Einweihung sorgte aber im Herbst 2001 noch unfreiwillig der eigene Sohn des Georgios: Dieser war als 13-jähriger Konfirmand in diesen Monaten verpflichtet, regelmäßig dem Gottesdienst der Gemeinde beizuwohnen. Nun begab es sich aber am Erntedank-Sonntag, dass er die ganze vorherige Nacht durchgemacht hatte, weil ein Schulfreund bei ihnen im Haus übernachtet hatte und die beiden bis zum Morgengrauen der Spielsucht erlegen waren (wie es für Jugendliche in diesen dunklen Zeiten leider gar nicht so selten war).

So kam es, dass der junge Jochanan während des Gottesdienstes kaum die Augen offen halten konnte. Zu allem Überfluss saß er – wie als Konfirmand üblich – in der ersten Reihe seitlich des Altarbereichs, für einen Großteil der anwesenden Hörerschaft gut zu sehen, im Rande des Sichtfeldes beim Blick Richtung Altar. Selbstverständlich wussten die meisten auch, dass es sich bei Jochanan um den Sohn ihres Priesters handelte. Und genau in der Predigt seines Vaters nickte Jochanan dann auch tatsächlich kurz ein vor aller Augen. Weil die anderen Konfirmanden bereits zu tuscheln anfingen und ihre Späße über den Schlafenden machten, sah sich Georgios also mitten in seiner Predigt gezwungen, mit einem flapsigen Kommentar in des Sohnes Richtung diesen zum ‚Geradesitzen und bitte-Wachbleiben‘ anzuhalten, ein leicht verschämtes Lächeln nicht verhehlend. Natürlich hatte die Gemeinde die Ironie weitgehend mitbekommen. Keiner sagte zwar etwas direkt, man redete es sich vielleicht selbst noch klein, alà ‚kann jedem mal passieren‘ – aber unterschwellig schien es doch Symptom zu sein dieser herrschenden dunklen Zeit für alle wahrhaft Gläubigen.

Und durch die souveräne Art, mit der der Priester Georgios spontan diese zynische Situation gemeistert hatte, war für diesen aufrechten Christus-Jünger nun auch der dritte Grad der Einweihung endlich vollendet.

‚Kreuzigung‘

Nicht nur Georgios – auch der Erde insgesamt stand jetzt aber eine ‚Kreuzigung‘ bevor. Denn der Imperator des Westens erklärte im Herbst des Jahres 2001 – traditionell nach einer wohlkalkulierten, hoch-zynischen Werbeaktion mit rund 3000 schlecht-getarnten Menschenopfern – dem gesamten Planeten kurzerhand den ‚War on Terror‘, also den ‚Krieg gegen den Schrecken‘.

Keiner traute sich, den senilen Hampelmann zu fragen, ob er denn auch vorhat, Fettleibigkeit zu bekämpfen, indem er die Fettleibigen zwingt, stark fetthaltiges Essen zu essen. Zu deutlich sah man seine Fäden, an denen er hing als Marionette des Teufels selbst.

Natürlich hätte zu diesem Zeitpunkt kaum ein lebender Mensch sich diese Erkenntnis zu Bewusstsein bringen können – zu tief saß die Angst in den Seelen, gezüchtet seit der Geburt in das mechanische System hinein.

Die ‚Kreuzigung‘ durch das Schicksal begann dann auch für unseren Georgios schon recht bald, kurz nachdem sein Sohn Jochanan damals während besagten Gottesdienstes vor aller Augen eingeschlafen war bei der Predigt seines Vaters – als die ‚Dornenkrönung‘ also vollendet war, und Georgios sich in diesem Zusammenhang der schweren persönlich-sozialen Last – seines ‚Kreuzes‘ – hinreichend bewusst geworden war, die er in seiner gesellschaftlichen Rolle als Priester in einem so dunklen Zeitalter auch mit seinem persönlichen Schicksal zu tragen hatte.

Und Georgios stieg auf in der priesterlichen Hierarchie – zunehmend durchschaut er dabei die ‚teuflische Unterwanderung‘ auch der kirchlichen – oder vielleicht gerade der kirchlichen Strukturen. So wird für ihn ersichtlich, weshalb die Kirchen im Großen und Ganzen in bisher jedem politischen System mühelos mit der Obrigkeit paktieren konnten, egal wie unterdrückerisch die jeweilige Obrigkeit sich dem einfachen Volk gegenüber gebärdete. Georgios erkannte, wie mit steigendem Einfluss auch die Verantwortung geradezu anschwillt – und allzu-leicht in Arroganz bis hinein in reine Machtgier abgleiten kann.

Für Georgios begann also im vierten Grad seiner schicksalhaften Einweihung nun zunächst das symbolische Nacherleben der ‚Erhöhung des Menschensohnes‘ …

Sein Sohn Jochanan aber geriet währenddessen mit seiner fortschreitenden Jugend immer mehr auf Abwege, wenigstens dem Anschein nach. Erst Jahre später würde sich auch in dieser Sache der höhere Sinn offenbaren – denn um den Weg aus dem Dunkel ans Licht zu verstehen, hilft es, diesen Weg selbst auch in der Materie gegangen zu sein. Bis zu dieser Einsicht eines Tages zwangen den Sohn aber all die Laster und Mächte dieser Welt zunächst immer weiter in die Irre; Trunk und Spiel, Gier und Wut – Hass und Angst.

Die Tochter Helena suchte ihr Glück dagegen immer wieder weit fernab der Heimat, erst in kanadischer Kühle, danach in katalanischem Süden. Später würde sie gar für viele Jahre nach Katalonien gehen und dort für die Unabhängigkeit der schönen Provinz von den spanisch-amerikanischen Kolonialseilschaften kämpfen, in Wort und Bild.

Wie aber die Formulierung ‚Erhöhung des Menschensohnes‘ im Falle Jesu Christi bereits bedeutete, dass er ans Kreuz geschlagen wurde und sterben musste, so hatte auch unser lieber Georgios mit seiner ‚Erhöhung‘ in der Kirchen-Hierarchie in der Folge harte Konsequenzen zu tragen.

Es geschah dies aber in Gestalt einer großen Prüfung: Gott sprach in sein Herz, dass er sein Leben mit einer anderen Frau verbringen solle, als mit der Mutter seiner Kinder – er wies ihn also scheinbar an zum Ehebruch.

Und weil ein Mensch im letzten Grunde immer auf sein Herz hören muss, gab Georgios sich hin diesem neuen Weg, und brach die Ehe.

Und schwere Reue kam über ihn, Herz und Schicksal schienen im Widerstreit – er konnte seinen Kindern kaum mehr in die Augen sehen. Und doch war sein Handeln richtig; auch er selbst wusste das.

Im Jahr 2008 kommt es für Georgios dann zum äußerlichen Höhepunkt seiner individuellen Phase der ‚Kreuzigung‘: Schlaganfall, Koma, Lähmung. Es geschah dies aber zu allem Überfluss so:

Am 8. Mai, dem dreiundsechzigsten Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der Deutschen Wehrmacht, kommt Georgios mit seiner Anwältin zusammen, um endgültig die Scheidungspapiere zu unterschreiben, formal also den ‚Ehebruch zu besiegeln‘. Und genau in diesem Moment trifft ihn der Schlag, so als strafe Gott selbst ihn, wie es offensichtlicher kaum geht, für seinen Verstoß gegen das sechste Gebot. Aber … wie viele Sünder – und wir alle sind Sünder – können schon von sich sagen, jemals ein derartig persönliches Zeichen Gottes erhalten zu haben?! So würde dieser Schicksalsschlag, diese scheinbare ‚Strafe‘, sieben Jahre später endgültig als der unendliche Segen erkannt sein, der er war, ist und sein wird.

Denn was genau war eigentlich geschehen? Das Höhere Selbst des Georgios kannte schlicht seine Aufgabe: die zeitweise Selbstaufopferung; eine scheinbare ‚Strafe Gottes‘, die genau eintritt beim Unterschreiben der Scheidungspapiere, indem ihn der Schlag trifft und ihn linkerseits lähmt. ‚Links‘ entspricht aber dabei der Seite gerade der rechten Gehirnhälfte, welche vorrangig der Assoziation, der Intuition und der inner-psychischen Synchronizität frönt. Und … ‚Etwas‘ verlässt den Geist des Georgios für drei heilige Zyklen von jeweils drei Jahren, drei Monaten, drei Wochen und drei Tagen. Aber die irdische Persönlichkeit des Georgios war an jenem 8. Mai 2008 ohnehin gestorben und konnte folglich von all dem nichts wissen.

‚Grablegung und Höllenfahrt‘

Mit der Vollendung der ‚Kreuzigung‘, dem symbolischen Tod, beginnt jetzt augenblicklich die Phase der ‚Grablegung‘, die Arbeit am fünften Grad. Im Physischen liegt Georgios einfach da – im Koma, sein Geist sich ergießend in die ganze Welt hinaus.

Und dann schlägt er die Augen wieder auf. Im Sommer beginnt für ihn so die mühsame Zeit der Rehabilitation; der Kampf mit der materiellen Welt, um wieder zurück in den Leib zu steigen, parallel zum langsam-aber-stetigen Wiedererwachen seines Geistes in voller Blüte.

Georgios erkennt in seinem jüngsten Schicksalsschlag nach und nach die Parallele zu einem Geschehen, das sich mit Jakob-Israel, Stammvater aller wahren Israeliten, vor einigen Jahrtausenden hat zugetragen: Der ‚Kampf mit Gott‘, als der ‚Kampf mit sich selbst‘, mit dem eigenen Schicksal, der den Kämpfenden zwar zeichnet – der den Kämpfenden aber danach trotz seiner scheinbaren (und freilich zwangsläufigen) ‚Niederlage‘ dennoch segnet als einen Menschen, der den Kampf mit sich selbst gewagt hat, jenen Größten aller Kämpfe – den ‚Jihad Akbar‘, wie Mohamed ihn einst nannte als das Größte, dem sich ein Gläubiger mit Hand, Herz und Verstand verschreiben kann.

Aber da ist noch was, das von Statten geht in dieser Zeit der ‚Grablegung‘: Jenes höchst gewichtige Etwas, ein geistiges Wesen von edelster Gesinnung, der Welt und allem Lebendigen auf ewig verpflichtet, das seit Jahrmillionen die Erdenreise der Menschheit begleitet, und das Georgios bei dessen Schlaganfall hatte verlassen müssen, um seine Seele auf diese Weise jenes Gefühl erleben lassen zu können, das Jesus damals ans Kreuz geschlagen in dem berühmten Wort ‚Eli, Eli! Lama asaptani??‘ ausdrückte – dieses erhabene Etwas also hatte Georgios vorerst verlassen und senkte sich nun langsam hernieder auf seinen Sohn.

Und der Sohn ‚fängt sich‘ ein wenig, was seinen fragwürdigen Lebenswandel der letzten Jahre angeht. Zumindest gelingt ihm seine Abschlussprüfung zur Allgemeinen Hochschulreife.

Hin und wieder begegnete von nun an der Sohn seinem Vater Georgios – oder einem ‚Abglanz‘ seines Vaters – in den Träumen. Und sein Vater wandelt dort umher wie in alter Frische, von der Lähmung keine Spur – eher wie das lebendige Andenken an einen Verstorbenen wirkten diese Traumbilder damals auf den Sohn. Doch was der Vater seinem Sohn bei diesen Gelegenheiten alles sagt und zeigt, was er ihn vielleicht lehrt in diesen Träumen, das kann zunächst nur dessen Unterbewusstsein erreichen – erst nach und nach bricht es durch auch in die Bewusstheit.

In der äußeren Welt jedoch führt das Schicksal den Sohn zunächst fort von Vater und Familie. Er beginnt ein Studium der ungarischen Sprache, fernab der Heimat, im Norden des Vereinigten Wirtschaftsgebiets über Deutschland. Es sollten die nächsten Jahre nämlich seine ‚Wanderjahre‘ werden.

Und indem Vater und Sohn sich in der materiellen Welt zunächst voneinander entfernten, kamen sie sich im Geistigen nach all den schwierigen Jahren – nicht nur durch die ungarische Sprache – endlich wieder näher. Unmerklich zunächst.

Die ‚Auferstehung‘

Noch die meiste Zeit über ist Georgios an einen Rollstuhl gefesselt, doch es bahnt sich langsam aber sicher die Phase der ‚Auferstehung‘ an – der sechste Grad einer jeden christlichen Einweihung.

Und in der materiellen Wirklichkeit manifestiert sich der erste Ansatz zur ‚Auferstehung‘ in würdigster Atmosphäre: Es ist nämlich die zweite Hochzeit des Georgios, er heiratet seine neue Gefährtin – und die Glückliche heißt ‚Christine‘. Und als die Vermählungszeremonie erfordert, dass Braut und Bräutigam vor den Altar treten, erhebt sich Georgios, befeuert durch die verjüngende Kraft der Liebe, aus seinem Rollstuhl und geht auf den eigenen Beinen die Schritte zum Altar – sein Geschenk an die Angetraute, das Über-sich-selbst-Hinauswachsen.

Genau 3 Jahre, 3 Monate, 3 Wochen und 3 Tage nach jenem Großen Werk, das Gott am 8. Mai 2008 in Form der vermeintlichen ‚Strafe für den Ehebruch‘ an Georgios vollbracht hatte, hat dann auch das besagte Etwas, das Georgios damals verlassen musste, den Sohn endlich erreicht und überschattet von nun an mehr und mehr dessen Geist; ohne, dass der es direkt bemerkt zu Beginn. Aber an diesem Tag, dem 1. September 2011, trifft der Sohn aus heiterem Himmel die Entscheidung, dem ‚teuflischen Punsch‘, dem Alkohol endlich abzusagen. Die wohl beste Entscheidung in diesem seinem Leben. Wenige Monate später wird er der Gnade Gottes tatsächlich bewusst teilhaftig und geht seitdem (‚endlich wieder‘) den Weg des Herrn.

Spätestens nach sieben Jahren, vom Tag der Hochzeit an gerechnet, wird die ‚Auferstehung‘ des Georgios vollendet sein. Wie sich dies dann im Materiellen manifestieren wird, weiß Gott allein.

‚Himmelfahrt‘?!

Doch zunächst ist nach weiteren 3 Jahren, 3 Monaten, 3 Wochen und 3 Tagen vom 1. September 2011 an gerechnet der Weihnachtsmorgen des Jahres 2014. Im vollen Bewusstsein übergibt der Sohn an diesem heiligen Tag dem Vater ‚wieder etwas zurück‘: Jenes Etwas, das den Vater zwischenzeitlich verlassen hatte, und das jetzt angereichert um manche Erfahrung des Sohnes seine Wirkmacht noch gesteigert hatte. Und es zeigt sich, dass von einer ‚Übergabe‘ nicht die Rede sein kann – denn nichts aus Gott kann je vergehen, nur ausbreiten kann es sich, scheinen und strahlen kann es – und höchstens zwischenzeitlich kann es ausgeblendet sein; ‚Gott gibt den Geist ohne Maß‘, sprach einmal das Wort selbst zu den Menschen, und so ist es.

Nach der dritten heiligen Zeitspanne von 3 Jahren, 3 Monaten, 3 Wochen und 3 Tagen wird dann die ‚Übergabe‘ vollendet – oder besser: die Verheißung erfüllt sein. Was diese Verheißung aber besagt, das beschreibt der Titel der hier vorliegenden epischen Erzählung; dasjenige nämlich, das allein der Entscheidung des ‚jemeinigen Selbst‘ obliegt.

So oder so – es ist die Verheißung von Zukunft

Was würde das Jahr 2015 wohl bringen? 2016 wird es offenbart sein. Und das Morgen folgt aufs Heute, wie das Heute aufs Gestern. Denn was ist, das ist – und zwar: Gottes. Dem Mensch aber obliegt die Durchseelung all des Feststehenden, um es fließen zu lassen, hinein in ‚Wasser und Geist‘. Zurück heim also.

Die individuelle ‚Himmelfahrt‘, wahlweise als ein ‚Ende‘ oder als ein ‚Anfang‘ verstanden. Oder als Ende und Anfang in Einem – wie Gott selbst sich einst gezeugt hat im Urbeginn alles Seienden als das Allmächtige, aus dem alles Geschaffene erst hervorgeht.

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Nichts ist romantischer, als was wir gewöhnlich Welt und Schicksal nennen. Wir leben in einem kolossalen Roman.“

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‚Novalis‘, Begründer eines ‚Magischen Idealismus‘

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