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Zwei und Zwanzig Geheimnisse

31. Oktober 2013

Der wahre Gaukler erkennt sich selbst

in jedem Närrischen Weisen.

 ***

Es war einmal – vor keiner Zeit – ein unbedachter Narr,

der letztlich Nichts, und zugleich Alles war.

Du fragst, wie er dies wurde, was er ist?

Er wurd´ es nie – Er w i r d und b l e i b t und i s t !

Ja, ein naiver Bursche war er, als er sich einst auf den Weg gemacht hatte – nur sein Päckchen auf der Schulter, ein Blümchen in der Hand, einen grauen Kater im Schlepptau (den er nicht mal bemerkte) und die Neugier eines Kindes als ein Leuchten in den flinken, kleinen Augen – wie eine Laterne trug er es vor sich her. Er wusste nicht und fragte nicht, wo entlang ihn seine Wanderschaft würde führen. Er ahnte nur, was sein Ziel sein musste: Die Goldene Stadt, inmitten des Heiligen Landes, jenseits der weiten Wüste; welche sich – wenigstens den Sagen nach – erstreckt von hinter den letzten Wallanlagen seines Heimatreiches an bis in die fernste Fremde.

Und so würde seine Reise heimlich in Drei zerfallen: Der Ausmarsch aus dem Wohlbekannten, um überhaupt erst die sagenumwobene Wüste zu erreichen. Und der staubige Pfad durch diese Ödnis bis hinein in die äußersten Steppen jenes Heiligen Landes, das hinter dem Sandmeer liegen soll. Und zuletzt der Zug durch dieses fremde Reich des Lichts bis in dessen Herz hinein, um dort an die Tore jener Goldenen Stadt zu klopfen, auf dass sie sich ihm auftun möge und er all ihre Herrlichkeit erfahre!

Und doch freilich würde es nur eine einzige Reise sein: Die Reise.

Also atmet er noch einmal unbeschwert durch, unser Narr, schmeckt ein letztes Mal den Duft des heimischen Pflasters – und folgt dem Tritt seiner Füße, ganz so, wie sie ihm gewachsen sind.

1. Akt: Die Prophezeiung der Mahamama Bet

I Erstes Rätsel: Der Gaukler

Als er sein Heimatdorf verlässt und an den Großen Zirkusweiden vorbeikommt, trifft der Narr am Rande eines Jahrmarktes auf einen Wegelagerer, der da weilt, im Schatten einer Ulme. In luftige Fetzen gehüllt sitzt der Landstreicher nur da und blickt den rastlosen Jüngling an, der energischen Schrittes vorbeistapfen will – ihre Blicke aber treffen sich und der Narr fühlt sich plötzlich zum Rasten bemüßigt; noch so viel liegt vor ihm und wie viel, das weiß er nicht mal.

Dem Vagabunden bietet unser Narr in einem Anflug der Großzügigkeit sogleich eine Erfrischung aus seiner Feldflasche an, die dieser gerne annimmt – angesichts der glühenden Sonne – und gluckernd stürzen einige Schluck Wasser seine Kehle hinunter. Die beiden kommen ins Gespräch. Unter anderem gibt der Landstreicher den Tipp, mal bei der Alten Zigeunerpriesterin vom Zirkusvolk drüben vorbeizuschneien – die habe immer „´nen guten Rat für suchende Pilger“ auf Lager und wisse sicher auch den schnellsten Weg zur Wüste zu weisen, nach der es dem Narren verlangt.

Im Laufe der seichten Unterhaltung erzählt der Landstreicher dann auch die Geschichte vom Gaukler und seinem Wagen:

Ich kannte vor vielen Jahren einmal diesen glücklosen Gaukler – der sprach immerzu von einem prachtvollen Pferdewagen, dem „König aller Wagen“, den er eines Tages sein eigen nennen wollte, und der sich in seiner Fantasie wohl darstellte als die perfekte Mischung und somit symbolische Vereinigung all der prachtvollen Streit- und Triumphzugwagen, die er in seinem noch recht jungen Leben gesehen hatte. Selbst hatte er dereinst nur ein klappriges Gestell von Gefährt mit zwei zwar strammen Pferden, die sich jedoch gegenseitig nicht so recht riechen mochten und einander daher meist jeden harmonischen Gleichschritt verunmöglichten. Immer wieder, wenn sich zu diesen Zeiten damals unsere Wege kreuzten, verdeutlichte mir der junge Gaukler dann ein weiteres Puzzlestück seiner großen Vision – und zwar stets anhand irgendeines neuerworbenen Zierstückes in der Innenauskleidung oder im Motiv einer neuen kunstvollen Bemalung der Außenplane seines klapprigen Wagens. Auf diese Weise sah ich alle paar Monate, wie sein eigener, einst so klappriger Wagen inzwischen wieder ein gutes Stück ansehnlicher geworden war. Doch wenn ich ihn darauf hinwies, wollte er von derlei „Lob“ nichts hören. Er hing noch immer dem Traum nach, eines Tages durch ein glückliches Geschäft das große Geld zu machen, mit dem er dann sein eigentliches Endziel realisieren würde: den prunkvollen neuen Wagen und die teuersten Rassepferde!

Vor einem Monat nun, als ich gerade seit längerem mal wieder hier im dalethischen Reiche mein Dasein zu fristen begann – habe ich besagten Gaukler wiedergetroffen. Einundzwanzig Jahre hatte ich ihn nicht getroffen, als ich selbst in einem Land weit weg von hier weilte – bei Gott: ich, der alte Taugenichts, ging sogar ein ganzes Halbjahr lang einem geregelten Berufe nach, Weberknecht war ich!

Doch das ein andres Thema … zurück zum Gaukler. Der näherte sich zunächst, ohne dass ich ihn hätte erkennen können. Sein Wagen nämlich war – ein Triumph. Ohne daher zu ahnen, dass er es ist, der da kommt, blitzte in meinem Geist die Erinnerung auf an die ausschweifenden Beschreibungen des jungen Strahlemanns, wie sein prachtvolles Gefährt würde aussehen, wenn er denn mal die Mittel habe, es umzusetzen – der Wagen, der sich Staub aufwirbelnd näherte, zeigte nämlich alle Aspekte der himmlischen Beschreibungen von damals: Goldener Schein strahlte hinter zwei brausenden Pferdeseelen hervor, die fast lautlos über den Boden schwebten. Das eine Pferd war schwarz, das andere war weiß – so wie die zwei störrischen Hengste meines Bekannten damals, doch in Harmonie die Straße bezwingend. Als der Wagen dann nur einige Meter vor mir zum Stehen kommt, bin ich erstmal fasziniert von der kunstreichen Verbrämung der ganz in Goldblatt gebannten Holzkonstruktion: Edelsteine in Rot, Gold, Grün und Blau, die merkwürdige Symbole formen, die mich ehrfürchtig erzittern lassen; Silberne Ornamente umrahmen hieroglyphische Botschaften in schwarz-blutfarbenen Lettern – und die Innenverkleidung der Kabine umschmeichelt den schattenhaften Fahrer in samtenem Dunkelblau, auf dem weißleuchtende Sterne funkeln: dreistrahlige, vierstrahlige, sechsstrahlige, achtstrahlige, fünfzackige, sechszackige und siebenzackige. Und aus diesem siebensphärigen Himmel eines uralten Zaubers heraus ragt standesgemäß die Gestalt eines gestandenen Mannes, den ich erst auf den zweiten Blick als meinen alten Bekannten, jenen damals noch jungen Gaukler wiedererkenne. Scheinbar all seine kühnsten Vorstellungen von damals hatte er also geschafft umzusetzen. Und er erkannte mich dann auch schnell und winkte mir mit großen Augen und offenem Munde. Ich grinste ihm zurück und als er zu mir herüber geeilt kam und wir uns nach all den Jahren mal wieder die Hand reichten, fragte ich: Und, wie hast du am Ende das „große Geschäft“ gemacht? Oder war das auf solche Art, über die man besser schweigen sollte … Feix´ ich noch … Der Gaukler aber sagte nur: Du hattest immer Recht gehabt damals, ich hatte diesen Wagen im Grunde immer. Danach wich er allen näheren Nachfragereien meinerseits aus, oder so schien es zumindest. Nerven wollt ich ihn halt nicht – wenn er nicht sagen will, dann will er nicht.“

Der Vagabund ließ seine Worte wirken.

Und aus diesem Grund habe ich bis heute keinen Schimmer, was er mir damit sagen wollte, denn dann musste er ganz flugs weiter, weil er sagte, seine Arbeit hier habe sich bereits wieder erledigt.“

Bald darauf verabschiedet sich der Narr von dem netten Wegelagerer, um die Hohepriesterin des Fahrenden Volkes aufzusuchen, die ihm empfohlen ward.

Zwischen den vielen Zelten der Bunten Leute ragt besonders imposant jenes der Alten Weisen hervor: Oben steigt schwarzer, dichter Rauch empor aus der Deckenöffnung und rundherum ist das schwarze Zelt mit violetten, dunkelblauen und weinroten Tüchern behangen, die mit goldenen Ketten verziert wie Magnete die Nacht selbst anzuziehen vermochten. Wie gebannt schreitet der junge Wanderer auf diesen Tempel der Weisheit zu und malt sich die ungeheuerlichsten Geschehnisse aus, die hinter dem schweren Vorhang aus schwarzem Samt schon so vonstatten gegangen sein mögen.

II

Er betritt das Zelt also und sofort fällt sein Blick auf die füllige alte Frau, deren gelb-leuchtende Augen ihn über eine Kristallkugel hinweg fixieren. Brodelnde Gemische in Kelchen und Krügen verteilt auf dem runden Tisch der Zigeunerpriesterin dampfen und blubbern düstere Geheimnisse vor sich hin.

Da bist du also endlich!“ Flüstert die Alte in einem Raunen, das im aufsteigenden Qualm zu vibrieren scheint. – „Du … hast mich erwartet?!“ Haucht der Narr. – „Achwas! Ist eher so etwas, wie meine Standard-Begrüßung. Was also führt dich zu mir, kleiner Mann?“ – „Ich will ein großer Mann werden, ein großer Mensch! Ich bin auf der Reise ins heilige Land hinter der großen Wüste – man sagte mir, du könntest mir den Weg weisen und mich mit dem rechten Rat versorgen.“

Die Hohepriesterin seufzt – aber nicht irgendwie enttäuscht, traurig oder herablassend oder dergleichen, sondern zutiefst erleichtert, so scheint es. Fast so, als freue sie sich aufrichtig, dass man ihre Meinung und ihre Weisheit so ehrfürchtig wertschätzt. Feierlich steht sie auf – überraschend flink und geräuschlos für ihre Statur – und wendet sich den vollgestopften Regalreihen vor der hinteren Zeltwand zu. Irgendwelche fremdartigen Silben murmelnd, kramt sie in geflochtenen Körben und Holzkisten, in Metallkästen und in Jurtesäcken herum, bis sie schließlich drei Dinge herausgefischt hat und sie – ohne aufzublicken – vor den Narr auf ihren kleinen Tisch zwischen die brodelnden Gebräue legt: Ein Holzstab, ein goldenes Zepter und ein schwarzes Stoffband mit drei silbernen Kreuzsymbolen darauf. Der Narr natürlich hat keinen Schimmer, was er mit den Dingen anfangen soll und außerdem fällt ihm ein, dass er ohnehin keinen Heller in der Tasche hat, mit dem er irgendetwas außer einem kostenlosen Ratschlag bezahlen könnte.

Ich habe leider nichts, was ich dir für irgendetwas geben könnte, edle … ehrwürdige … große Zigeuner… königin-“ – „Zigeunerpriesterin,“ … unterbricht die Ehrwürdige den Überhasteten. „ … oder einfach Mahamama, bitte. Und keine Sorge – ich verlange kein Geld von dir, Suchender. Schulden kann man sich ohnehin immer nur selbst etwas. Diese drei Gegenstände hier sind dein Eigentum. Und waren es immer. Warum dies so ist, weiß ich nicht. Ich bin keine Frau der Gründe. Nur eine Frau der Antworten, der höheren Wahrheiten. Mögen andere diese Wahrheiten verstehen.“

Und nach einer kurzen Pause, in der sie fast etwas orientierungslos scheint, lässt sie sich wieder auf ihren Stuhl niederfallen und blickt milde lächelnd zum Narren auf, der völlig überfordert zu sein scheint von der Situation.

Sei frohen Mutes, tapferer Einsamer! Du wirst auf dem Weg in die Wüste drei Menschen treffen – diese Erlebnisse werden dir erklären, was es mit den drei Gegenständen auf sich hat. Der erste Mensch ist die Kaiserin der Föderation – du begegnest ihr, wenn sie mit ihrem ganzen Hof durch die Provinz zieht, um mit dem ansässigen Volk das Erntedankfest zu feiern.

Der zweite Mensch dann ist der König, den du zufällig in der Nähe seines Palastes im Herzen des Reiches wirst antreffen.

Der dritte Mensch ist ein Hierophant namens Hee, ein Hohepriester der königlichen Mysterien Towrahas, der in seinem Tempel am Rande der Wüste haust. Ihm wirst du persönlich Fragen stellen können. „Was Mama nur weiß, kann er erklären“ – so sagt man hier bei uns, dem Fahrenden Volk.“ – „Vielen Dank, große Mahamama!“

Die Hohepriesterin nickt sanft. Schnell verstaut der Narr die drei Dinge in seinem Beutel und verneigt sich hektisch noch einmal vor der Erhabenen, bevor er sich umdreht und aus dem Zelt tritt. Gleich umschwingt ihn frische Luft, der dumpfe Zauber des verräucherten Zeltinnern kommt ihm plötzlich vor wie ein längst vergangener Traum aus seiner Kindheit, ach! Als sei es gar aus einem früheren Leben! Seltsam. Na egal.

Er macht sich also auf, verlässt die Zirkusweiden und steuert Richtung Osten.

III

Von einem andren Wandersmann, der seinen Weg gekreuzt hatte, hatte der Narr schnell erfahren, wo die werte Kaiserin denn zum Erntedankfeiern erwartet wird und der Wandersgeselle ist dann jetzt auch auf dem zielstrebigen Weg dorthin, in die Provinz Gimelia. Sicher kein Zufall, dass es sich dabei um die Heimat der Ahnen von Kaiserin Gimel der Dritten handelt … Auch eine große Führerin pflegt eben noch die Traditionen der Alten Menschheit.

Der Narr beobachtet also in Gimelia einen Empfang bei der Kaiserin. Er sieht den Segen und den Fluch ihrer Position; wie sie so anmütig in ihrem Thron auf dem großen Festwagen sitzt, unbeweglich und doch eine Dynamik ausstrahlend, wie der Wind selbst, der über die Erde fegt und das gold-bunte Laub durch die Gassen wirbelt! Und er erkennt im Holzstab der Kaiserin – der nebenbei jenem Holzstab in seinem Beutel erstaunlich ähnelt – ein Symbol ihrer majestätischen Präsenz, der Anwesenheit, des beseelten Körpers, des Lebens in jedem Wesen im Grunde – und auch schlicht ein Symbol der menschlichen Erscheinung als Person von bestimmtem Prestige. Er begreift, dass er für seine Wüstenreise einen gestählten Leib brauchen würde – daran soll ihn der Holzstab wohl erinnern, den ihm die Zigeunerin hatte mitgegeben! Und stets bedacht und achtsam sein sollte er auch – sich in gleichmütiger Gelassenheit vom Schicksal tragen lassen, wie die Kaiserin sich von ihrer pompösen Rikscha tragen lässt, wie eine Wünschelrute den Empfindsamen führt, wenn er auf sein Innerstes hört.

Zufrieden macht sich der Narr wieder auf den Weg. Den Holzstab schaut er sich noch einmal an in seiner Hand; prägt sich dessen Beschaffenheit genau ein, macht sich noch einmal bewusst, was er symbolisiere – und verstaut ihn dann in seinem Wandrerspäckchen am Stock, um sich aufzumachen in Richtung des Königspalastes. Bis hierher schließlich hatte die mysteriöse Voraussage der alten Mahamama Bet ja gut zugetroffen – dann würde er bestimmt auch „zufällig“ auf den Zug des Monarchen treffen, wenn er sich nur ein wenig in der Nähe dessen Hauptsitzes herumtreibt …

IV

Und natürlich ereignet sich auch im Folgenden alles genau so, wie die Hohepriesterin es prophezeit hatte: König Daleth den Vierten nämlich sieht der Reisende tatsächlich, als dieser wohl in seinen Palast zurückkehrt; wie ihm dabei das versammelte Volk zujubelt und vor allem: wie König Daleth stoisch aber würdevoll und stark bleibt, Stabilität ausstrahlt – ohne sich direkt den Zujubelnden zu zeigen, wohlgemerkt. Denn er bleibt in seinem prunkvollen Wagen, nur seine Sillouette schimmert durchs getönte Fenster – Da muss der Narr kurz an die Geschichte vom Gaukler und seinem Wagen denken.

Der König also macht sich rar, sogar, wenn ihn die Bürger hautnah zu erleben meinen – seine Autorität allein, seine erahnte Anwesenheit wirkt in gewisser Weise mächtiger, als jeder durchschnittliche Schlag ins Gesicht … Doch immerhin: Am Ende winkt König Daleth zumindest noch einmal mit seinem Ankh-Stab, dem heiligen Zepter des Reiches Tau von Dalethia, aus dem Wagenfenster. Als sei es sein Antlitz selbst, so bricht die Menge in Euphorie aus, sowie sich der gold aufblitzende Herrscherstab zeigt. Und der Narr erkennt in seinem eigenen „Zepter“, das die Große Mutter ihm mitgegeben hatte, ein Symbol der Seele im Körper, nach der dieser Körper letztlich bewertet, mit der dieser Körper auf einer feinen Ebene über die Massen herrscht. Aber auch Symbol des Emotionalen, wie es durch den Körper und dessen Gestalt und Darstellung transportiert wird – der Suchende sieht ein: Er muss seine Gefühle soweit unter Kontrolle halten und sie einzusetzen wissen, auf dass sein Körper nie mehr in reflexhafte Leidenschaftlichkeiten verfalle. Keine Ausreden – am Ende hat der Mensch vielleicht alles selbst in der Hand, wenn er diese Verantwortung aufrichtig annimmt – ein König in seinem eigenen Reich sein muss man!

Doch nicht zu voreilig sein mit den Deutungen und Antworten … Jetzt wird erstmal der Geweihte Priester der königlichen Mysterien aufgesucht, von dem die Zigeunerin versprochen hat, dass er dem Narren erste etwas klarere Ratschläge zu geben vermag, als Sie es in ihrer blinden, wenn auch mächtigen Inspiration der Götter und Schicksalsgeister vollbringen konnte.

V

Den Hierophanten sucht er auf in seinem Tempel am Stadtrand, wohl wissend – oder wenigstens ahnend, dass das Kreuzband, das von den drei Gegenständen offenbar Ihm zuzuordnen ist, irgendwie „den Geist“ symbolisieren muss.

Der Eingeweihte stellt sich dem Narren vor als „Bruder Hee, von der Bruderschaft der Towrahisten“. Bereitwillig deutet Er ihm dann auch gleich einige Symbole, die der Narr bewundernd anstarrt, die sich auf der Frontseite Seines kubischen Steinaltars eingemeißelt finden: Das erste Symbol sieht so aus:

א

Es stehe für das „oberste Gesetz“, im Grunde „das Eine Gesetz“, dass nämlich alles „wie oben, so auch unten“ sei – „wie eine Gestalt, die mit dem einen Arm nach oben, mit dem andern nach unten deutet“ – so anschaulich prägt sich dann die Hieroglyphe auch dem Narr ein.

Das zweite Symbol sieht so aus:

מ

Dieses stehe für den Tod selbst – aber nicht, im Sinne eines Schrecklichen, sondern im Sinne des „Geheimnisses des Lebens“. Damit nun kann der Narr nichts anfangen und so winkt der Bruder Hee lächelnd ab: „Früher oder später wirst du ganz von selbst verstehen.“

Das letzte Symbol sieht so aus:

ש

Und dieses nun stehe für das, was dem Narren gleichzeitig am nächsten, als auch am fernsten sei, was er schon immer war und nie wirklich wird, was er aber im Kern seines Wesens erfühlen kann, wenn er ganz still ist und nur seinem Herzen lauscht. Dies sei im Grunde die gesamte Hälfte der Welt, alles andere ist zusammengenommen lediglich exakt genauso wichtig, wie dieser Herzensfunke. Und der Narr – obwohl er in keiner Weise versteht, was diese dunklen Worte bedeuten sollen – lächelt und spürt in der Brust die Wärme einer aufsteigenden Gewissheit: Am Ende seiner Reise würde er alles verstehen. Wieso – das weiß er noch nicht. Nur, dass.

Nun hattest du doch aber bestimmt schon die ein oder andre Frage auf den Lippen, bevor du hier hereingetreten bist und diese heiligen Symbole auf meinem Altar hast in Augenschein genommen!“ – „Ja, allerdings, Meister Hee!“ – So sprich.

Und der Narr holt die drei Dinge aus seinem Säcklein hervor. Behutsam nimmt der Mann Gottes die Gegenstände entgegen und beäugt sie interessiert. Dann breitet er sie auf dem Altar aus und fragt:

Was sind deine spontanen Deutungen dieser Artefakte, mein Sohn?“ – „Nun, der hölzerne Stab scheint für meinen Leib zu stehen, das Zepter für meine Seele und das Stoffband … für meinen Geist?!“

Vorsichtig nickend deutet der Hierophant an, dass sein Besucher weiter spreche.

Und von der Kaiserin habe ich gelernt, dass der Körper das Werkzeug der Seele ist, dass die Seele sich also auch in unserer leiblichen Erscheinung zeigen muss, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Vom König dann schaute ich mir ab, wie man die äußere Gestalt als solche zu seiner äußeren Rüstung macht, indem man die Seele als das eigentlich Wirkende im Leibe erkennt, wie man so den eigenen Körper als Instrument der Seele begreift und einzusetzen lernt. So ergänzen sich Leib und Seele wunderbar, wenn man sie ins rechte Gleichgewicht zu bringen schafft.“ – „Schon gar tiefe Einsichten dies, mein junger Bruder! Aber was erhoffst du dir nun vom Kreuzband, das den Geist repräsentiere?“ – „Hmm … Vielleicht liegt im Geist die Möglichkeit, Körper und Seele aneinander zu binden, um sie so in Harmonie gemeinsam schwingen zu lassen mit dem Gang der unruhigen Welt? Soll ich vielleicht mit dem Band beide Stäbe aneinander binden, um aus ihnen eine wuchtige Schlagwaffe zu basteln?“

Der Hierophant wiegt seinen Kopf hin und her, ein leicht gequältes Lächeln beherrscht seine Mine. Also wohl eher nicht zusammenbinden. Würde vielleicht auch beiden Elementen ihre jeweilige Eigentümlichkeit und somit ihre spezifische Stärke nehmen. Doch was dann anfangen mit „dem Geist“?

– „Wirst du mir nun nicht sagen, wie ich zu verfahren habe?“ – „Oh, leider ist mir das nicht möglich. Nur du kannst die Beschaffenheit deiner Wesensglieder gut genug kennen, um die perfekte Harmonie für sie herauszufinden … Doch sie müssen sich in jedem Fall ergänzen, und dürfen nicht zu einem undefinierbaren Klumpen zusammenschmelzen. Ich schlage dir vor, du machst dich einfach auf den Weg. Die Zeit wird zeigen, was dein Schicksal dir bestimmt hat. In der Wüste sind schon viele verlorengegangen. Ob auch du zu diesen Unglücklichen gehören wirst, weiß nur der Sand der Dünen und der Wind, der ihn durchs Land trägt. Aber eins ist sicher: Wenn du dich bereit fühlst für den Einmarsch in die Ödnis – dann ist dies so oder so die einzig richtige Entscheidung für dich. Ob du es dann hindurch schaffst, oder nicht. Bereuen wirst du nie wieder, sobald du nur einmal ins Herz der Wüste vorgedrungen bist. Und mit etwas Glück von Oben ist dir dann auch die Gnade vergönnt, das Licht in der Ferne zu erblicken. Und spätestens an diesem Punkt wird sich die Zufriedenheit endgültig in reine Glückseligkeit verwandeln!“

Der Narr lauschte diesen Worten in stummer Ehrfurcht – ohne Zweifel wusste der Eingeweihte, wovon er sprach. Auch Er schließlich muss vor Jahrzehnten oder Jahrhunderten einst den Gang durch die große Wüste angetreten haben. Und so fasste den Narren die Zuversicht, als er sich höflich von dem Meister verabschiedete und sich aufmachte, endlich die Wüste zu erreichen. Er fühlte sich bereit.

VI

In den letzten Ausläufern seines Heimatreiches, nur noch vielleicht eine Tagesreise bis zum Beginn der öden Wüstenlandschaft, trifft der Narr noch auf zwei Liebende, die sich auf einer Picknickdecke in den Armen liegen und dabei das Funkeln des Sternenhimmels bestaunen.

Die Innigkeit der zwei Verliebten weckt leise Zweifel im Narr, ob sein einsamer Weg auch wirklich der Rechte ist für ihn – doch erfährt er durch Sie auch den Wert der Synthese und versteht, dass er Zepter und Stab, Seele und Körper in der Tat als Einheit zu begreifen hat, will er mit ihnen sinnvoll arbeiten; doch eben als Einheit, die erweitert und nicht einschränkt: Das Eine verstärkt das Andere und umgekehrt – aber zusätzlich entsteht aus beiden etwas Neues, wenn es sich um eine wirklich perfekte Synthese handelt.

Die beiden Stäbe gehören also übereinander! Statt einer primitiven Schlagwaffe, lieber einen Gehstock daraus machen! Durch das Band (und also mittelbar durch „das Geistige“, durch diese kreative Idee, so deutet er es sich) würde sein Stab nun mitsamt dem Zepter zu einem stabilen Gehstock, auf den er sich später stützen kann, bei seiner Wanderschaft durch die Wüste. Die Seele muss vom Körper getragen werden, ist sie doch das eigentlich Individuelle im Menschen, dasjenige, das den Kontakt zur Welt erst im menschlichen Sinne aufbaut. Also unten der Holzstab, oben das Zepter – doch das Konstrukt will nicht halten, verdammt! Immer wieder fällt es in sich zusammen. Entmutigt gibt der Narr bald auf, hoffend, dass ihm noch die schlagende Idee komme, bevor er sich als einsamer Verirrter in der Sonnenglut einer endlosen Wüste verliert …

VII Die erste Lektion: Der Wagen

Als der einsame Wandersbursche in der Ferne einen Pferdewagen durch staubige Gefilde schleichen sieht, erinnert er sich an die Geschichte vom Gaukler und seinem Wagen, die ihm der Landstreicher zu Beginn seiner Odyssee erzählt hatte. Und plötzlich versteht der Narr, was all das zu bedeuten gehabt hatte, wie Schuppen fällt es ihm von den Augen:

Der „Landstreicher“ war natürlich der Gaukler selbst! … und sein „Wagen“ war eben der Leib und das Leben jenes „Landstreichers“, seine Erscheinung, durch die der gerissene Magier ganz subtil seine Wirkung ausübt: den Suchenden auf den richtigen Pfad zu lenken, ganz sachte. So mag ein Jünger der Königlichen Kunst lange Jahre auf der Suche sein nach seinem persönlichen Ideal – ob er es merkt oder nicht, während er sich Gedanken macht, wie denn genau sein Ideal überhaupt aussieht, da wird er schleichend selbst immer mehr zu diesem seinem Ideal. Und eines Tages gibt er den ursprünglichen Plan auf, weil er einsieht: Ich bin ja schon viel weiter, als ich gedacht habe! Und dann ist plötzlich jener alte Wagen das Vehikel, aus dem heraus der Gaukler seiner Berufung nachgeht – nun mehr voll und ganz seine Kraft aufs Außen richtend, ohne sein Potential für individuelle Wünsche und Hoffnungen verschwendend.

In einem Magier diesen Schlages sind beide Aspekte bereits in innigster Synthese miteinander verschmolzen: Das Individuelle und das Umfassende, auf dass sie vereint ein Neues hervorbringen: Das Leib-und-Seele-Selbst, die Verquickung von Innenleben und Außendarstellung – man wird Eins mit sich Selbst.

Und man gewinnt durch diese Selbsterkenntnis, durch diese Alchemie der eigenen Person, etwas ganz unglaubliches für den weiteren Lebensweg: den „persönlichen Schutzengel“, das „höhere Selbst“, das man von nun ab immer mal wieder spürt in seinem Herzen, wenn es gerade nah scheint, nach dem alleine man von nun an strebt, auf dass man diesen Engel irgendwann in jedem einzelnen Moment der Existenz an seiner Seite spürt!

Jetzt ist klar: Nicht die Seele thront auf dem Körper – der Körper ist es, der aus der Seele schöpft, sich aus ihr speist! Eher deshalb thront der Körper in gewisser Weise auf der Seele, die ihn erschaffen hat, und nicht umgekehrt. Also probiert er diesmal, den Holzstab, Symbol des Körpers und alles Leiblichen, oben an das Zepter, ans „Symbol der Seele“ zu binden, sodass die Hand des Wandrers nun den warmen Holzstab greift, das Zepter aber – soviel stabiler als das Holz, in seiner metallenen Beschaffenheit – wird keinen auch noch so steinigen Boden zu fürchten haben, welcher es in seiner Form beschädigen könnte. Ja, auf diese Weise scheinen die beiden Enden dieses Zusammengesetzten endlich ihren rechten Platz im Gefüge der Welt gefunden zu haben! Und siehe da: Nun klappt es, das Kreuzband erfüllt tatsächlich seinen erhofften Zweck – Erst also, wo Leib und Seele in wirklich sinnvolle Synthese gehen, kann der Geist durch diesen seinen Tempel die Welt regieren. Und die Seele zeigt ihre Doppelnatur, als Tempel innerhalb eines Tempels, als verbindendes Tor, durch das der Gott sein Werkzeug Körper greifen kann.

Mit einem zufriedenen Lächeln auf den Lippen tanzt der Wunderknabe federnden Schrittes in die Dämmerung und erblickt endlich die Wüste, die unter einem stumm-schimmernden Sternenzelt ruht und im Rhythmus des Ostwinds ihre nächtliche Friedlichkeit in den Himmel atmet.

Noch einmal wird er rasten, bevor er sein letztes Schicksal antritt – der müde, aber heitre Narr. Und wie, als wollte ihn dieses Schicksal noch einmal deutlich zu diesem Wagnis ermutigen, erblickt der Wandrer in diesem Moment in der Ferne die Gestalt eines Beduinen, der aus einem Brunnen Wasser schöpft. Dieser Sohn der Wüste kann unserem Narren sicherlich den sichersten Weg weisen durch den Höllenpfuhl staubiger Trugbilder und Todesfallen, welche man in den vielen Volkssagen jener Wüste zuspricht.

2. Akt: In der Wüste des Einsiedlers Thet

VIII Zweites Rätsel: Der Richter

Der Beduine bietet sich sogar von sich aus dem Narren als persönlichen Führer durch die Wüste an. „Du bist ein guter Mensch, das sehe ich sofort. Ich könnte dich durch die Wüste geleiten, wenn du mir dahingehend Vertrauen schenken kannst.“ Sagt er gleich, als der Narr ihn gerade erreicht hat und noch nach den richtigen Worten sucht, um seinerseits von dem Verhüllten eine derartige Wüstenführung zu erbitten. Manchmal fügen sich die Dinge scheinbar wie von selbst. Und inzwischen hatte der Narr ohnehin gelernt, dass nicht immer alles rational zu verstehen ist. So fragt er gar nicht erst nach Gründen, sondern folgt einfach der Stille seines Herzens.

Am Feuer sitzend erzählt der Beduine dem Narren dann die Geschichte vom Richter und der Gnade:

Weißt du, mein Bruder, einem jungen, ambitionierten Richter wurde von seinem Ausbilder folgender letzter Rat für den weiteren beruflichen – aber auch Lebens-Weg mitgegeben: Bei aller Liebe fürs Recht, die dein Lebensantrieb sei – vergiss nicht die Gnade, versuch sie zu verstehen, um zu wissen, wo sie wirklich hingehört!

Aber bei allem guten Willen – dem Richter gelang es nicht, die Gnade als solche zu begreifen. Sicher: Er selbst war in seinem Richtspruch stets „gnädig“, im Sinne einer emotionalen Gelassenheit; er ließ sich nie von der Wut der Geschädigten oder von Stammtischparolen verleiten, seine Urteile auf Rachegelüsten zu gründen. Wahre Gerechtigkeit eben, cum grano salis, aber doch stets bestimmt in seinen Entscheidungen. Manche Juden nannten bekanntlich ebendiese Harmonie jene „zwischen Chesed und Geburah“ … In all den Jahren erlebte der Richter in seinem Berufsalltag immer wieder Menschen, die furchtbares Unrecht erfahren mussten, die aber dennoch keinen Groll hegten und nicht einmal nach Bestrafung verlangten, gar noch um Milde für ihre Peiniger baten. Solche Menschen bewunderte der Richter, nicht wegen ihrer „großen Güte“, sondern schlicht, weil er spürte, dass diesen Menschen selbst offenbar der meiste Segen aus diesem ihrem Verhalten beschieden war – und gar nicht so sehr den möglicherweise durch diesen Großmut begnadigten Verbrechern.

Doch gleichzeitig wusste der Richter: Er würde in seiner Position niemals solche Gnade walten lassen dürfen, so sehr er es auch manchmal wollte. Er hatte schließlich genug arme Hunde gesehen auf seiner Anklagebank, die aus Trunk- und Drogensucht oder aus unglücklichem persönlichem Schicksal heraus getrieben zu Totschlägern und Sittenstrolchen wurden. Keinem von denen konnte man ernsthaft vorwerfen, dass sie geworden sind, was sie geworden sind. Und doch musste man sie aus Sicht der Gemeinschaft bestrafen, sie unschädlich machen. So traurig das manchmal war.

Der Richter musste erst selbst Opfer eines üblen Verbechens werden, um den Sinn jeder aufrichtig gewährten Gnade zu erfassen.

Und dir, mein Bruder, sage ich nun:

so schließt der Beduine seinen kleinen Schwenk …

Sobald du das Wesen dieser echten Gnade verstanden hast, wirst du eine Kraft beherrschen lernen, die dir zuvor zwangsläufig als zwei so dermaßen unvereinbare Kräfte erscheint, die einander meist aufs Bitterste widerstreiten, dass du sie nie und nimmer als aus einer Quelle sich speisend hättest vermutet. Doch tatsächlich sind auch sie nur … Eins.“

IX

Nach einem Tagesmarsch des Schweigens treffen die beiden bei einer Felshöhle auf einen Eremiten, der sich Thet nennt. Legenden zufolge ist es dieser Einsame, der im letzten Grunde über die gesamte Wüste herrscht – es ist Seine Wüste. Der Einsiedler erklärt denn auch auf Nachfrage gerne den weiteren Weg durch die staubige Ödnis, die Ihm Heimat ist. Und da scheint Er plötzlich im Narren einen alten Bekannten zu erkennen – und obwohl Ihm bewusst sein muss, dass dieser Eindruck nicht auf Gegenseitigkeit beruht, wendet der Verhüllte sich in aller Herzlichkeit an den Suchenden und spricht:

Drei Geschenke werden dir auf deinem Weg gemacht, mal direkt, mal indirekt und mal gänzlich geheimnisvoll: Eine Klinge, eine Waage und ein … Trank, der kostbarer ist als alles sonst.“

Und diese drei Zutaten würden dann helfen, „jenen Pfad zu bauen, der als einziger aus der Wüste hinaus ins gelobte Land führt“ – wie der Rätselhafte dunkel prophezeit; mehr könne Er nicht sagen, weil „du es eh nicht glauben könntest“ … Der Narr werde allein herausfinden müssen, wie genau er die drei Elemente findet und sie sich nutzbar macht.

Inzwischen freilich war der Narr an einem Punkt angelangt auf seiner großen Reise, an dem er solcherlei Schwammigkeiten nicht mehr als seltsam oder gar bedrohlich rätselhaft empfand – er war ja bis jetzt gut gefahren damit, sich auf derartiges einfach einzulassen und im Zweifelsfall „aufs Bauchgefühl“ zu hören, wo die sogenannte Vernunft in einer Sackgasse steckenbleibt oder sich nur noch in fruchtlosen Kreisen bewegt. Andernfalls freilich blieb die große, unbestechliche Vernunft die oberste Autorität. Wie Viele sind schon daran in sich selbst ertrunken, dass sie diesen wichtigen Primat in der Anwendung vermissen ließen. Was allerdings keineswegs zur Vernunft gehört, sind ungeprüft althergebrachte Vorurteile. Gerade diese gilt es auszumerzen. Dann aber ist die Vernunft bis zu einer gewissen Ebene unbezwingbar. Man kann nur ehrfürchtig vor ihr verharren, wenn der Wirbel der Zeit es mal zulässt – und in solchen Momenten kann man sich einfach mal hingeben, der Vernunft selbst, statt sie nur anzuwenden. Und so fängt es an …

Jaja, so macht der Wanderer sich seine Gedanken … Noch kann unser Narr es nicht ahnen – aber obwohl er durchaus auf dem richtigen Weg ist, steht ihm nun eine harte Phase bevor, die viel Schweiß und Tränen fordern wird. Droht ihm etwa – so mag ein gutherziger Leser hier aufschrecken – dass er mit finsteren Mächten aus den gespenstischen Dünen konfrontiert wird, hier in diesem trostlosen Meer der verzehrenden Hitze? Nein, ruhig Blut! – er brütet nur gerade eine kleine Infektion aus, deren fiebrige Symptome gerade hier, mitten in der Wüste, sehr schnell luftige Höhen erreichen können … Es gilt, das Beste daraus zu machen. Sein Beduinenführer zum Glück weiß das gut, und wird sich um seinen violett-glühenden Körper sorgen, solange unser närrischer Wandrer sich in anderen Sphären bewegt …

X

Im Kreislauf der Natur – wo Jäger und Beute sich erbarmungslos hetzen, wo Leben und Tod ihren Satans-Tango tanzen und wo Myriaden der sich widerstreitenden weltlichen Impulse einander gegenseitig inmitten der Schwebe einer nur scheinbaren Existenz halten – da erblickt der Narr in diesem ewigen Spiel das Leid der Welt als Basis alles Werdenden und fügt sich endgültig seinem Schicksal; dem Schicksal eines einsamen Suchenden, der nur ein – sein – Ziel kennt, nur noch kennen kann: Die Überwindung dieses ewigen Kreislaufs, der so herzlos all seine unheiligen Spiralen zieht. Die eine Entscheidung: Nur ich oder doch Alle? Gilt es, nur „sich selbst“ zu befreien? Gibt es nur „sich selbst“ zu erlösen? Sind doch alle andern Wesen und Erscheinungen auch im letzten Grunde nur verzerrte Spiegelbilder und Schatten meinerselbst! Und in den Peitschenhieben der strengen Einsicht ins Abgründige passiert im Geist des Narren etwas sonderbares: Das Rad des Schicksals in Form und Farbe nimmt auf einmal klare Gestalt an, präsentiert sich als Monument ätherischer Struktur vor des Narren ehrfürchtigem Blick und verschlingt alles Wirkliche rundherum, das nur noch wie flackernde Irrlichter aus schummriger Dunkelheit hervorwogt – eine schleierhafte Wirklichkeit, die sich aber mit jedem Pulsschlag des Lebens wieder zurückzieht ins Auge jenes Sturmes, den die starr am Himmel prangende Welterkenntnis in wirbelnden Farbspielen ins Flimmern der stehenden Wüstenluft projiziert.

Es ist ein achtspeichiges Rad aus Bronze, beschlagen mit Silber-, Gold- und Platin-Platten, auf denen in kantigen Hieroglyphen das Gesetz des Kosmos geschrieben steht – im Grunde scheint das Rad selbst aus nichts anderem als aus diesen Hieroglyphen der ewigen Gesetzlichkeit zu bestehen, so unzählige Lettern schmücken selbst klitzekleinste dunkle Ecken des metallenen Monumentes. Unzählige Teufel und Dämonen tummeln sich im hypnotischen Rundherum, Engelsgestalten hauchen ihre Lieder und spielen auf Harfen die Melodie der Unendlichkeit einer Demiurgenseele, die sich selbst in den Marterstuhl ihrer eigenen Schöpfung gespannt hat, um sich selbst zu erleben – sich selbst zu erleiden in allem Zorn, aller Eifersucht und um sich selbst zu feiern in aller liebestrunkenen Gnade und Güte und Großmütigkeit! Das herrschende Tier aber ist der riesenhafte Primat, der – den Säbel in den Klauen – durch die Manege tobt und seine Spuren wie tiefe Narben in den Leib des Einen Gottes schlägt – und das Schicksalsrad thront auf … der Sphinx, die stumm die Antwort aller Antworten schweigt: (…)

Von dieser Sphinx bekommt der Narr dann auch jene Klinge, von der ihm der Einsiedler namens Thet vor Wochen erzählt hatte. Und mit dieser Klinge schnitzt unser Held drei Symbole der Ewigkeit in seinen Gehstock: Jene Drei, die ihm der Hierophant zu Füßen des Staubmeeres gedeutet hat – und in der Gestalt des Weltenrads hatte der Narr dann auch die eingeborenen Namen dieser drei kosmischen Ewigkeiten geschaut: Aleph, der Hüter der Schöpfung; Mem, der Hüter der Wandlung; Shin, der Hüter der Bewahrung. Diese Drei sind die Mütter des Universums, aus denen die Geschlechter hervorgingen und immer wieder hervorgehen. Gezeugt durch das Eine Wesen Jod.

Als nun das Schicksalsrad langsam wieder im Nichts der Ödnis verblasst, ersteht aus den Dünen in der Ferne mit einem Mal ein mächtiges Schattengeschöpf, das sich wie der Geist der Wüste selbst über die Sandmassen wälzt und sich vor dem in Ehrfurcht erstarrten Narren zu einer menschlich-anmutenden Erscheinung aufbaut:

Der Richter aus dem Märchen seines Beduinenführers zeigt sich dem Wanderer in archetypischem Gewand – und der Richter macht ihm klar, dass dies alles hier nur ein Fiebertraum ist, und dass es dem Narren selbst obliegt, was er aus diesen seinen Erlebnissen „hier oben“ später „da unten“ dann mache, wenn er wieder zu sich kommt. Und weil der Richter spürt, wie der Narr an einer persönlichen Entscheidung – an seiner ultimativ letzten persönlichen Entscheidung – schwer zu zehren hat, entscheidet er kurzerhand für ihn (so scheint es wenigstens dem Narren …): Und zwar, dass unser Held bis ans Ende der Zeit auf Erden wandeln werde, um alle Wesen zu erlösen oder mit ihnen zugrunde zu gehen. Und dieses Urteil freilich würde unwiderruflich sein und immer bleiben. Da fällt dem jungen Wandrersburschen ein großer Stein vom Herz und er fühlt das erste Mal in seinem Leben die Grenzenlosigkeit eines befreiten Atmens in seiner Brust!

Die Waage in des Richters rechter Hand, nebenbei, scheint zunächst klar ein bloßes Symbol seiner Tätigkeit zu sein. Doch sie wird zu einem Rätsel, als die Robengestalt das Instrument dem Narren als Geschenk übergibt, bevor sie selbst sich im Nebel auflöst – denn: Die Waage scheint plötzlich nicht mehr geeicht zu sein, sobald der Narr selbst sie in Händen hält: Die Wagschalen wollen einfach nicht zur Ruhe kommen und immer zieht eine wie von Geisterhand nach unten, obwohl sie doch ganz leer ist. Warum dies so ist? Nun, daaaarauf verweigert der Erzähler an dieser Stelle selbstverständlich eine Antwort. Wie immer liege die Lösung nur im Innern des Rätselnden selbst.

XI

Plötzlich ein unwirkliches Geschehen, das realer sich nicht vollziehen könnte: Die Kraft namens „Kaph“ offenbart sich unserem Narren in einer Wolke aus rot-goldenen Schleiern, die sich aus dem Wüstensand erhebt – in der Tat entsteigt dieser rot-goldene Schimmer allem, was dem Narren in den Blick kommt, aus jedem Atom der Natur um ihn herum zwinkert ihm das heimliche Glitzern zu, jene doppelschneidige Kraft, die alles zerschneidet und alles wieder zusammenschweißt. Und in einem Moment dieser Vision nimmt der Narr nur noch eines wahr, und zwar als Klang, als Lichtglanz und als körperliche Empfindung gleichermaßen – und das lautet: ICH BIN KAPH – DIE KRAFT, DIE TRENNT UND ZUSAMMENFÜGT, UM DAS WERDEN ZU ERHALTEN. Diese Kraft ist weder Liebe, noch Gerechtigkeit – sie ist beides zugleich in ursprünglicher Harmonie, wie sie in der Welt selbst nirgends zu messen ist. Es ist die Kraft der Seele, die alle innere Spaltung überwunden hat. Sie ist die Idee des Guten selbst.

XII

Langsam aber sicher nähert sich unser Narr nun dem Ende der weiten Wüste: Erste Palmbäume tauchen vereinzelt am Horizont auf und er hält auf sie zu. Als der Narr an einen kleinen Hain kommt, hängt dort kopfüber ein Sterbender an einem Seil, das zwischen zwei Baumstämmen aufgeknüpft ist – in den linken Baum ist geritzt ein großes J, in den rechten ein großes B. Und der zwischen ihnen kopfüber Aufgeknüpfte ist „der Arme Lamed“, wie der Gehängte mit stoischem Blicke verkündet, als unser Wandersmann bestürzt nach Seinem Schicksal fragt. Er habe Sich einst für ein altes Weib verbürgt, das später als Hexe verbrannt worden war. Und somit verurteilte man den Armen Lamed als Hexenfreund zum Tode, falls Er Sich nicht von Seinem damaligen Schwur auf die Unschuld der Alten lossagen wollte.

Und wieso hast du das nicht getan? Selbst, wenn die Alte unschuldig war – tot war sie doch ohnehin schon?!“ – „Es wäre dennoch Unrecht gewesen.“ – „Aber so ist es doch auch ein Unrecht, nur eben dir gegenüber!“ – „Lieber ein Unrecht erleiden, als selbst eines begehen.“

Dem Narr fiel es schwer, diese Aussage einzusehen. Ihm schien es wie ein Opfer für nichts. Auf diesen Einwand aber sagte der hängende Lamed:

Welches Opfer wäre von höherem Wert, als eines, das allein dem Nichts geweiht ist? Hat denn Gott sich selbst nicht auch aus diesem Nichts geschaffen? Siehst du mich mit meinem Schicksal hadern? Ist es Dir ein Sinnloses, so liegt es auch an Dir, dem Sinn zu verleihen, oder denn nicht?!“

Und in diesem Moment erkennt der Narr sich selbst in dem aufopferungsvollen Leidenden und setzt sich wortlos vor ihn in den Sand. Er stirbt so mit diesem hehren Märtyrer den qualvollen Tod.

Als er sich erhebt, weil der letzte Hauch den Lungen Lameds entwichen ist, berührt den Narr sein Beduinen-Begleiter sanft am Arm.

Glaubst du nicht, du könntest mehr aus all dem hervorzaubern?“ – „Wie meinst du das, mein Bruder?“ – „Mach aus dem Opfer des Armen Lamed ein Opfer der Welt, der ganzen Menschheit für die Menschlichkeit! Du allein hast in der Hand, welcher Wert dem vergossenen Blute zukommt.“

Und der Narr versteht sogleich: Es ist jener „Trank“, der ihm hier subtil gereicht wird …

Er nimmt also das Blut des Geopferten, um damit seinen Gehstock magisch zu versiegeln: Er tröpfelt es auf die Verbindungsstelle von Stock und Zepter, und das auf diese Weise benetzte Kreuzband frisst sich wie ein knisterndes Feuer in den zweigliedrigen Wanderstock, wodurch das Instrument eine stabile Einheit wird, wie ein Pfeiler aus Titan.

Unbemerkt von Narr und Begleiter nähert sich derweil die rätselhafte Waage einem Gleichgewicht, als sie so zufällig zwischen beiden Pilgern auf der Erde steht …

XIII

Zur Rast legen sich die beiden Reisenden an einer Felsformation nieder, die in der Abendsonne düstere Schattenformen wirft; und unseren Narr schütteln in der bitteren Kälte einer windigen Wüstennacht die letzten Schübe seines Fiebers durch – ein dunkler Traum scheint im Anmarsch …

Und der Tod höchstselbst personifiziert sich vor dem Narr: Schwarze Robe über klappernden Knochen, die Weiße des Schädels glänzt im Schimmer des Mondes und die Sichel funkelt ihre knisternde Melodie mit dem pfeifenden Wind im Duett. Ein knöchernder Zeigefinger deutet unmissverständlich auf den kleinen Narr, der sich in Schockstarre zurücklehnt und empor in feurig rote Rubine blickt, die aus dem bleiernen Schwarz toter Augenhöhlen leuchten. In einem letzten Aufbäumen eines persönlichen Willens greift der Narr seinen magischen Wanderstock und schlägt viermal wild auf die Rippen des Bruder Hains ein, dass es scheppert, knackt, knirscht, und endlich bröselt unter dem pechschwarzen Gewand. Beim fünften Aufprall aber zerbricht der Stock in tausend Teile – doch auch der Sensenmann fällt in diesem Moment zu Staub in sich zusammen und lässt zurück nur … klebrigen Sud, der im Sande verrinnt. Da erhebt sich eine donnernde Stimme aus den Tiefen der Savanne und bebt in fremden Worten, die der Narr nicht versteht, deren Botschaft er aber tief in seinem Halse stecken spürt: Seine Wiedergeburt wird dem Narren verkündigt – doch zuvor muss er erwachen, um sterben zu können.

XIV Die zweite Lektion: Das rechte Maß

Der Narr deutet diese surreale Verkündigung seiner baldigen Wiedergeburt als inneren Aufruf seines Gewissens zur Vereinigung von allem Groben und Feinen in ihm – also zur bewussten Komposition einer individuellen Menschlichkeit, mit dem Komplex aus Leib und Seele als Grundkörper – und dessen Durchatmung durch den Geist, der das Gesetz seiner Existenz ist: Die „Heilige Hochzeit“ gilt es zu zelebrieren; zwei Kräfte: Liebe und Weisheit, Synthese und Analyse – und vor allem jenes innere wie äußere Gleichgewicht als Schlüssel zum Gleichmut durch Harmonie aus Gefühl und Vernunft.

Dies alles Worte nur, sicher. Doch dem Narren bedeuten sie heute so viel mehr als alles Schulwissen, das er sich in all den Jahren zuvor zufällig hatte aneignen können während seines fröhlich-naiven Dorflebens.

Und der Narr erkennt endlich in seinem vermeintlichen Beduinenführer allein sich selbst, sein „Höheres Selbst“ wieder: Dieser Beduine ist schlicht die Verkörperung von perfekter Harmonie zwischen Richter und Maß, die Kombination der zwei Seelenkräfte Denken und Fühlen, die im Willen die Synthese finden. Strenge und Gnade, die im gerechten Urteil Harmonie finden, die große Kraft Kaph mit ihren zwei Aspekten von Liebe und Gerechtigkeit, die in jeder Brust schlummern – Beduine und Narr werden zu Spiegelbildern einander.

Und die Waage zeigt das erste Mal ein Gleichgewicht zwischen Führer und Narr – denn der Narr hat sein Idealbild nun selbst erreicht. Als beide Gestalten im Lichte dreier aufgehenden Sonnen in einem Höheren aufgehen, schlägt eine weit entfernte Kirchturmuhr Hochmittag.

 3. Akt: Der Fall des Altehrwürdigen Turmes Ayn

XV Drittes Rätsel: Der Gefallene

Noch vor den Grenzwällen des Heiligen Landes stolpert unserm wackeren Wüstenbezwinger ein zerlumpter Genosse entgegen – sein schwarz-weiß-gestreiftes Gewand weist ihn als entflohenen Sträfling aus. Er erblickt den Narren und mit einem breiten Grinsen stapft er auf ihn zu, um ihm die fleischige Pranke zu reichen.

Samech mein Name, wie heißt du, Brüderchen?“

doch ohne eine Antwort abzuwarten fährt der Schelm auch schon fort:

Kennst du das Geheimnis vom Teufel und der Welt?“ – „Hmm, ich glaube nicht, nein.“ – „Tja, ganz einfach: Der Teufel ist die Welt!“ – „Hmm … vermutlich muss das jeder für sich selbst beurteilen. Die Pantheisten würden dir wahrscheinlich vehement wiedersprechen …“ – „Die was? Pan-The-Isten??“ – „Ahja, die halt, die sagen, dass Gott die ganze Welt ist und wir als bloße Menschen ihre absolute Schönheit nur nicht immer sehen können, wie wir auch selbst uns nur selten als Teil Gottes erkennen.“ – „Ach, Pan-the-isten, okay. Solche hochtrabenden Wörter wirst du dir besser abgewöhnen, wenn du mit uns vom einfachen Volk sprichst, edler Herr … Naja, bist ja noch auf dem Weg hinüber, noch nicht auf dem Rückweg … Aber wie auch immer. Wer den Teufel in der Welt nicht sieht, scheint sich in der Hölle pudelwohl zu fühlen. Da wird der Teufel wohl umso leichteres Spiel mit ihnen haben, hehehe … Aber, weil ich ja keiner bin der Streit sucht, machen wir halt den Kompromiss: Beide Sichtweisen sind richtig, die Welt ist gleichzeitig in ihrer Gänze schlecht, als auch vollständig gut. Auch der Mond hat schließlich zwei Seiten, wenn man auch immer nur eine sehen kann.“ – „Ja, aber der Mond zeigt uns Erdlingen immer nur EINE Seite – und das ist die, die vom Licht erstrahlt wird!“ – „Ja, ja … der Mond ist in der Tat sowas wie ein letztes Geheimnis, was das Wesen der Welt angeht. Aber genug der Worte! Ich muss weiter, ein neues Reich, ein neues Leben wartet auf mich!!“

Verdutzt bleibt unser Reisender zurück. Und geht dann weiter seines Weges, den ersten steinernen Gebäuden des Gelobten Landes entgegenblickend, die sich in der Ferne vorm dunklen Himmel abzeichnen.

XVI

Das „Heilige Land“ endlich auch offiziell betretend, als er einen verlassenen Grenzposten passiert – das Gelobte Land ist eben dünn besiedelt von Menschen … da erlebt der Narr aus nächster Nähe, wie der Blitz in einer Wachtbastion einschlägt, als dresche Zeus höchstselbst auf das arme Steinbauwerk ein mit seinem funkenschlagenden Hammer! Der Turm fängt auf der Stelle Feuer und als die Wächter panisch aus den Fenstern in den Tod springen, da muss der Narr erkennen, dass auch im grellsten „Utopia“ – und dort vielleicht erst recht – noch das Unheil droht, wie es immer droht im Gang der Welt. Vielleicht hatte der komische Sträfling Samech ja doch Recht mit seiner These, dass die Welt schlicht im ersten und letzten Aspekt der Teufel selbst ist, der scheinbar Schönes nur zulässt, um durch dessen baldige Zerstörung erst Gefühle des Verlustes wie gierige Dämonen auf die Wesen loszulassen. Als die Brände verglüht sind, begibt sich unser tapferer Wanderer in die Überreste der Bastei. Über dem Eingang kündet ein Schild von der ruhmreichen Vergangenheit des Altehrwürdigen Turmes Ayn, der schon so vielen Unwettern trotzte, so vielen Belagerungen standhielt. Und so vielen Weisen seine Türen zur Bibliothek im Kellergewölbe öffnete – Große Männer und Frauen hatten hier schon geweilt, in diesem Relikt eines vergangenen Zeitalters, in dem noch Magier und Fabelwesen die Menschheit regierten und alles wie im Paradiese war auf Erden.

In den Ruinen des Turmes Ayn macht der Narr drei Entdeckungen: einen Krug, eine (scheinbar kaputte) Flöte und – an eine Wand geschrieben – die Worte TAT TVAM ASI; und der Narr erkennt in ihnen den Namen Gottes. Er nimmt also Krug und Flöte.

XVII

Als er den zertrümmerten Turm hinter sich lässt, zeigt der dunkle Himmel über ihm die Pracht der Sterne, und der Narr erkennt in ihnen das Gesetz der Welt, ganz anschaulich, und unverhohlen – und, dass sein persönlicher „Geist“, das Gesetz, nach dem sich sein Schicksal abspielt, letztlich schlicht ein klitzekleiner Ausschnitt aus diesem Gesetz ist, er selbst also „Teil Gottes“ – oder wahlweise halt „Teil der Hölle“ ist und immer schon war! Am Ende natürlich sind all das auch „nur“ Worte.

An einer Quelle trifft er auf die Ewige Jungfrau Pee – sie spricht kein Wort zu ihm, blickt ihn nur wissend an und trinkt demonstrativ einen Schluck Wasser aus der Quelle. Und der Narr erkennt in der Quelle den Jungbrunnen – aus dem er nun mit dem Krug schöpfen kann, den er aus den Turmruinen in intuitiver Voraussicht hatte mitgenommen. Da sprießen auch schon wundersame Blumen aus der Wiese, wo die Gleißende Pee das ewige Wasser vergossen hatte – Und durch das Trinken des Quellwassers hat der Wanderer mit einem Mal eine u n e r h ö r t e Unsterblichkeit erlangt – Die höchste Veredelung des Leibes scheint endgültig vollbracht!

XVIII Der Mond

Im Mond, den er einen ganzen Monat hindurch von seinem Lager vor den Toren der („Goldenen“) Stadt aus bewundert, erkennt der Narr das Wesen seines subjektiven Weltwahrnehmens: Eine Reflektion jener Gesetze, die alles beherrschen sind sie – nicht mehr. Aber auch nicht weniger!

In Eintracht mit den Tieren der Lichtung schwelgt der Narr im reinen Moment; beim gedankenlosen Herumspielen mit der scheinbar kaputten Flöte bemerkt der Narr, dass die Flöte doch – unhörbare – Töne hervorbringt: und die Tiere beginnen, dem Narren und dessen Willen zu gehorchen!

Ist dies etwa die letzte Veredelung der Seele, das Wiederzusammensetzen der Emotionen, indem sie nun endgültig zu gezielt einflussnehmenden Instrumenten werden? – Und nein: der Mond ist NICHT das letzte Geheimnis, sondern der Schlüssel zu allen Geheimnissen überhaupt! Allerdings darf ein Schlüssel nie mit dem verwechselt werden, was man hinter der Tür findet, in deren Schloss er passt … Aber von einem notorischen Zerstörer, wie einem mutwilligen Wiederholungsstraftäter, kann man nicht erwarten, dass er über die Verehrung des Mondes hinauskommt …

XIX

Als er sich endlich der Goldenen Stadt nähert, erstrahlt die Sonne über unserem Narren und er sieht in Ihr allein die Quelle all der Reflexionen, die sich uns Menschen als „Welt“ und „Wirklichkeit“ zeigen – Doch da ist noch mehr: Die Schwarze Sonne Quoph verbirgt sich hinter ihrem weißleuchtenden Zwilling. Mit ihr hatte es also begonnen dereinst – und von nun an würde er selbst einem jeden Suchenden den Weg zu weisen wissen. Jenen Weg, den ihn damals bloß ein glückliches (aber eben höchst zufälliges) Schicksal entlangstolpern ließ …

Im Zenithstand am Mittag schreitet der Narr dem Zug des Königs Salomon entgegen, wohlwissend, welch großen Weisen er gleich würde das erste Mal von Angesicht zu Angesicht sehen …

XX Das Urteil

Vor den Toren der Goldenen Stadt. Eine Menschentraube hat sich um die schillernde Gestalt eines ganz in Weiß gewandeten Mannes geschart – Es ist König Salomo höchstpersönlich, der da gerade eins seiner berühmten weisen Urteile am fällen ist: Zwei aufgebrachte Gruppen von einfachen Menschen, die sich um irgendein niederes, kleines Recht streiten, das ihrem jeweiligen vermeintlichen persönlichen Glücke den Weg versperrt, oder zu versperren scheint – kein Außenstehender könnte wohl je die Wahrheit über den kleingeistigen Disput gänzlich herausfinden – doch Salomo der Weise macht nur eine einzige erhabene Geste, die auf einen Schlag Alles klärt. Als sei dieser ruhmreiche Weisheitslehrer der personifizierte Hammer des göttlichen Gerichtes selbst. Und der Narr erblickt in dem himmlischen König die letztgültige Quelle, aus der selbst die Sonne noch schöpft.

Als der Narr dann ehrfürchtig vom König Einlass in die Goldene Stadt erbittet, sagt der: „Du musst den Namen sagen, dann öffnet sich dir das Tor von selbst.“ Der Narr also „spricht“ den Namen aus, der sich ihm im Turm offenbart hatte – und erkennt: Auch dieser König ist … er, der Narr selbst! Würde diese fortwährende Selbsterkenntnis irgendwann erschöpft sein?! Ooooh, ja. Nur nicht mehr … „als Mensch“, auch nicht als „Wiedergeborener“.

XXI Die dritte Lektion: Der Kosmos

So ist die letzte Lektion, die unser lieber Narr hier auf Erden machen kann: Die goldene Stadt, in der er sich nun weiß – sie wird von ihm ganz allein beherrscht! Der Teufel aber, und mit ihm die ganze (nicht-himmlische) Welt sind längst verjagt (oder ausgebrochen?) aus dem Herzen seines heiligen Utopias – denn nichts anderes war jener flüchtige Sträfling mit Namen Samech vor den Toren des Reiches: Der Teufel selbst, samt der Welt, über die Er herrscht. Und nicht mal besonders sorgfältig verborgen in seiner Plumpheit … Und natürlich steht immer alles über Ihm, was sich Hier und Jetzt, im Heiligen Land, im Reich Gottes … „abspielt“.

Das Jenseits allerdings, die „höheren Sphären“, jene Goldene Stadt – die sind für allezeit von ihm getrennt. Und so ist grundsätzlich der von Welt und Teufel getrennt und gleichzeitig in innigster Verbundenheit mit jenen Niederen, welcher innerlich seine eigene Goldene Stadt errichtet hat, in seinen eigenen Tempel eingezogen ist.

Mithilfe von Stab (Körper), Zepter (Seele) und Kreuzband (Geist) – und in diesen wertvollen Artefakten wird er entdecken: Klinge (Lebenskraft), Waage (Seelenkraft) und „Trank“ (Geisteskraft); … um aus ihnen Krug („Lebensquell“), Flöte („Lebensatem“) und … den „Namen“ („Lebensgeist“) zu zaubern – Körper, Seele und Geist also, vereint im wiedergebornen Menschen und in voller Entfaltung aller geheimen Kräfte seines Innern: Als „Menschensohn“, „Heiliger Geist“ und „Göttlicher Vater“ der gesamten Menschheit in Einem.

Ja, genau so ward der Narr zur Welt selbst – indem er sie immer schon war, wie auch alles „in ihr“ immer schon ihren ganzen Zauber in sich enthält.

Mehr gab es nie, mehr gibt es nicht, mehr wird es niemals geben.

Oder … doch?!

Das Schöne ist: Er weiß es n i c h t .

***

Epilog – der Weise Narr

Und am Ende herrscht nur der Gaukler im Wagen

durch Strenge und Gnade

über Teufel und Weltental.

***

B I N A H

***

König, Kraft und Mondenschein –

Drei Achsen der Welten, drei Flügelpaare;

Drei Jahreszeiten nur noch!

***

C H O C H M A H

***

Über Ihnen?

Nur und stets

Die Krone, die da heißt:

***

K E T H E R

***

Aus der Läuterung

Über Erleuchtung

Zurück zur Kreuzigung

Einer Rose –

***

Aus ihr die Welt erblüht!

***

und im heimlichen Gaukler erkennt er sich selbst –

jener, der am Ende ist,

und auch schon ganz am Anfang war:

der heitere, der einzige,

der  e w i g  e i n e  Narr.

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