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Nachtrag: „Absolute Mehrheit“, die Zweite

18. Februar 2013

Stefan Raabs Polit-Talk kommt in Fahrt

Ein Hauch von Amerika …

Joa – ich bin zufrieden. Zugegeben: „Wohlwollend von Beginn an“ hab ich den Maßstab angelegt. Mag sein, dass ich unter anderen Vorzeichen ein weniger liebliches Urteil würde fällen – aber lassen wir das „hätte-wäre-wenn“ an dieser Stelle bei Seite … Es geht schließlich um ein Format, das „immerhin“ Potential hat. Wer wäre ich, würde ich da nicht ein bisschen an Vertrauensvorschuss leisten?!

Die Eckdaten: Passend zum Sexismus-Zeitgeist ist eine Frauenriege zu Gast (wenn auch nur die paar ansehnlichsten Exemplare aus dem Bundestag …), dazu ein z-prominenter Musiker und grundsätzlich herrschen die selben Rahmenbedingungen wie in der ersten Sendung: 3 Hauptthemen (Frauenquote, Politikskandale und Wohnungsmarktunzulänglichkeiten); Zuschauervoting; Werbeunterbrechungen samt Gewinnspiel fürs Publikum; Peter Limbourg als „neutraler“ Beobachter – und natürlich der pseudo-proletarische Diskussionsleiter: „Mister Bob-Fahren-in-Küchengeschirr“, Deutschlands hochverehrter – oder doch lieber verteufelter – Albtraum aller ernstzunehmenden Satire: Stefaaaaan Raab!

Fazit: Raab – und ganz besonders Kumpane Limbourg! – beide haben die (verdiente) zweite Chance genutzt. Raab blieb seiner provokanten Art treu, die durchaus das Zeug hat, mal die ein oder andere interessante Antwort aus einer Politiker-Phrasen-Wolke herauszudistillieren; die ein oder andere Antwort, die einerseits ungewohnt ist für eine TV-Talkrunde, andererseits dennoch relevant sein könnte für manchen abwägenden Kopf und dessen irrationale Entscheidungsprozesse.

So hat der Metzgermeister es bisher zwar nicht fertiggebracht, einen seiner Gäste zu regelrechten Paukenschlägen zu verführen – dazu sind freilich auch die zweiten Garden der Fraktionen zu routiniert, die sich da so (als Vorhut der ersten Garden?) in seine Show bequemen. Aber Raab schafft es hier und da, wenigstens die Charaktere zum Glühen zu bringen – mehr die Form als der Inhalt also ist es, die in „Absolute Mehrheit“ sorgfältig entschält wird, um dem Wähler ein paar Ansatzpunkte zu bieten. Und politische Inhalte sind es ja ohnehin am wenigsten, die in einer repräsentativen Demokratie über Tun und Lassen der Volksstimme entscheiden …

Mehr noch als der Showtitan selbst aber kann dessen Sidekick überzeugen: Peter Limbourg zeigt sich (im Gegensatz zur dahingehend eher missglückten ersten Sendung) als trockener Analyst, der nach jedem der drei Hauptthemenblöcke den Gesprächsverlauf nachzeichnet, für den Zuschauer noch einmal zusammenfasst, kommentiert und unterschwellig bewertet (diplomatisch, stets in positiven Formulierungen und gerne auch mal so heimlich ironisch, dass die/der Bewertete die auf diese Weise chirurgisch-präzise gesetzte Kritik bloß als seichte Umschmeichelung in gewöhnungsbedürftigen Worten empfunden haben dürfte …). Erfrischend ist, dass die Diskussion dieses Mal nicht alle zwei Minuten von Balkendiagrammen und deren Besprechung unterbrochen wird, wie in der ersten Sendung (stattdessen fließen die Prozentzahlen der Zuschauerstimmen regelmäßig durch den unteren Bildschirmrand). So bleibt die Rolle von Herrn Limbourg als Experte von Anfang an ernstzunehmen – auch, weil er sich diesmal eigenwillige Pointen verkneifen kann und nur hier und da auf eine derartige Vorlage Raabs reagiert (und diesen dabei sogar einmal mit einem überraschenden Konter bezüglich seines Alters „überrumpelt“ – wunderbar, wenn sich Ernst und Heiter so gut ergänzen, spielerisch sogar mal die Rollen tauschen für kurze Momente; davon lebt ein solches Showformat schließlich, so gern auch mancher wohl lieber alles immer bierernst hätte).

Der „Wildcard“-Teilnehmer ist in dieser zweiten Show dann auch gar kein gaaanz „normaler“ Büger mehr, wie ihn Frau Delius in Show Nummer Eins noch sollte verkörpern, sodass von vorneherein nicht wirklich so getan wird, als säße da ein unbefangener Wählerstimmen-Stellvertreter – Meinungszucht? Ja! Aber doch bitte nicht allzu „unauffällig“ … So passt dann ein solch „populistischer Wutbürger“ wie der Musiker Olli Schulz deutlich besser zum Format, als es ein tatsächlich völlig zufällig ausgewählter Teilnehmer tun würde. Ein Polit-Talk mit Stefan Raab ist eben doch mehr Theater als Seifenoper. Und je klarer das auch geoffenbart wird, desto sympathischer muss einem diese Herangehensweise sein. Schließlich haben wir es sowohl beim Theater, als auch bei der Seifenoper mit einem Schauspiel zu tun – der Unterschied liegt in der öffentlichen Wahrnehmung, im gesellschaftlichen Prestige und vor allem im Talent der Schauspieler. Und da haben wir doch hoffentlich alle lieber Profis auf der Bühne stehen und wissen dabei, dass diese für ihre Leistungen entlohnt werden und es nicht zum bloßen Spaß an der Belustigung machen … Kurz: Wenn schon geheuchelte Volksnähe, dann doch bitte wenigstens von geübten Maskenträgern.

Ein Pinselstrich vielleicht noch: So nervig auch dieses Mal wieder die Aufmachung der Einspieler war, die jeweils den folgenden Hauptthemenblock einzuleiten hatten (die quengelige Frauenstimme aus der ersten Sendung durfte wieder zuschlagen in all ihrer charmant-naiven Dämlichkeit) – speziell der dritte dieser Einspieler (betreffend die Zustände auf dem deutschen Wohnungsmarkt) triefte nur so vor herzerwärmender Gesellschaftsdiagnose, mit Augenzwinkern serviert im Mantel von Klischees, die wahrer sind, als man es sich eingestehen will … Ein aufrichtig grinsendes Daumen-hoch an dieser Stelle dafür!

Unterm Strich: „Absolute Mehrheit“ pendelt sich langsam ein, muss inzwischen wohl nicht mehr auf eine Fortsetzung hoffen, sondern kann sich einer solchen recht sicher sein – auch, weil Raab ja inzwischen gar als Teil der Moderatorenriege fürs TV-Duell der Kanzlerkandidaten gehandelt wird (berechtigterweise, wohlgemerkt – sofern man denn auch nur halbwegs repräsentativ zu sein bestrebt ist in den deutschen Medien). Eine absolute Mehrheit konnte in der Show erneut nicht erkämpft werden, aber wieder gewann die FDP – oder besser gesagt: die Persönlichkeit, die im Namen der FDP auftreten durfte (Linda Teuteberg). Denn wie in der ersten Sendung sind es weiterhin eher die Figuren, die sich produzieren – und nicht die Parteien selbst. Aber natürlich trägt auch jeder Einzelfaktor seinen Teil bei zur Meinungsbildung; steter Tropfen höhlt den Stein – wenn eine Partei nach und nach genug ihrer Individuen, die doch bisher wohl in den gemeinen Köpfen eher fahl-nichtssagend und nur als Bestandteil eines pampigen Einheitsbreis wahrgenommen werden – wenn eine Partei diese ihre Individuen mit der Zeit zunehmend als „echte Menschen“ etablieren kann, darf diese Partei sich auf längere Sicht durchaus auch politisches Gewicht ausrechnen, setzt sie sich schließlich letztlich aus diesen Menschen zusammen und nicht aus den Buchstaben auf dem Papier ihres Parteiprogramms (das ja nun eh die wenigsten der Wähler gelesen haben werden, wenn sie dann im September zur Urne stolpern).

Also: Die Neoliberalen und ihr neuestes Propagandawerkzeug? Ahja, why not … wer nicht romantisch verklärt im Sumpf der Demokratieverherrlichung feststeckt, verfolgt die politische Stimmungslage ohnehin eher leicht belustigt und erfreut sich dabei lieber jedes Fünkchens an (Re-) Legitimation dieser Regierungsform, als dass er sich über die ewig-gleichen Indoktrinierungsmechanismen echauffiert – wir sind doch alle nur Menschen, also Heuchler von Natur aus (Helmut Plessners „natürliche Künstlichkeit“ lässt grüßen …), die nichts weiter wollen, als so zu tun, als seien wir „moralisch“, „gerecht“ und „wahrhaftig“ – um dabei gleichzeitig weiter Mensch bleiben zu können, also Tier zu sein – in aller unserer Hässlich- und Grässlichkeit … Sollten wir uns etwa selbst verleugnen?!

Amerika, wir kommen! Jenseits des Atlantiks haben wir ja schon länger einen Spiegel, der uns unsere Zukunft zeigt …

Post Scriptum:

Joa … die dritte Sendung hat mich dann eher herb enttäuscht, das retardierende Moment, einen Akt zu früh gewissermaßen ;) … die Show am 28. April dann aber durchbrach endlich das „bloße“ Potential und ließ tatsächlich mal etwas aufblitzen, das einem blauen Himmel hinter all den Wolken aus Blödelei, Flachheit und Political Correctness erahnen machte: Bernd Lucke, die seltsame Gestalt, die die „Alternative für Deutschland“ im September in den Bundestag will einziehen lassen (und vor dem ich in der Tat inzwischen großen Respekt habe, wenn ich sehe, wie er sich in der Öffentlichkeit schlägt – was diesen Respekt natürlich noch lange nicht auf seine politischen Visionen ausweitet …); Gregor Gysi, der in der Tat ein echter Polit-Profi ist und eine Realo-Linke vertritt, ohne die vermutlich allzu-viele „Mittel den Zweck heiligen“ würden im Strudel des zielstrebigen Am-Volk-vorbei-Regierens unserer werten Führerkaste … ja, ja – in dieser Sendung schmolz ein wenig die Fassade der abgebrühten Repräsentanten des Status Quo. Inzwischen muss es eigentlich auch dem letzten Halbherzigen offenbar geworden sein: Im September kann alles passieren und speziell mit der AfD muss gerechnet werden – ob man das gutheißt oder verteufelt. Eine Partei, die schamlos die Dummheit der Massen benutzt, um „frischen“ Wind zu bringen – eine Dummheit, die genau jene erst gehegt und gepflegt haben, die sich jetzt über den Populismus derer echauffieren, die sich diese Dummheit zum Vehikel machen … Wer die Kunst des Zynismus beherrscht kann so eine Konstellation der Interessen und Motivationen nur herzlich feiern und fröhlich auf die Zukunft warten. Alles ist möglich, im Guten, wie im Schlechten … die Deutsche Mark werden wir wohl kaum zurück bekommen – aber dafür ja vielleicht mal wieder eine Diktatur in Deutschland und Europa, die sich nicht allzu dreist als Nicht-Diktatur verkleidet. Heil Rückschritt! … denn manchmal ist ein Rückschritt nur ein Schwungholen für den Fortschritt. So füllt jeder seine Rolle genau richtig aus. Ob er sich dessen selbst bewusst ist, oder nicht – das ist eine Frage von solcher Irrelevanz, dass sie sich nur ein solcher stellt, der noch nicht allzu weit ist, auf dem Weg nach oben. Und der Gipfel kann von allen Seiten erreicht werden – und es ist immer der selbe Gipfel. Auch, wenn die vielen unterschiedlichen Wandertrupps sich noch den ganzen Aufstieg über ach-so sicher sind, dass nur ihr Weg ans Ziel führen kann. Dass solche Leute kaum ahnen können, wie genau dieses Ziel dann am Ende wirklich aussieht, ist eine weitere Prüfung für den vermeintlichen Zyniker, der sich noch nicht sicher ist, wie er seinen recht seltenen Humor zu bewerten hat …

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From → Aktuell, Aktuelles

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  1. Teil Eins einer Rückschau | Janosch der Wahre

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