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Panther Rey

23. Juli 2012

Es war einmal – vor langer Zeit in einer Welt, die ein einziger endloser Dschungel war – ein einsamer König. Ein schwarzer Leopard war er, und man nannte ihn Rey. Ein Volk hatte er schon lange nicht mehr, oder nie eins gehabt – manch einer meinte, dass sein Volk durch seine Weisheit war erlöst worden und nun als unsterblicher Geist des Waldes über dessen Geschöpfe wachte. Manch einer meinte, dass sein Volk in Wahrheit die ganze Welt war, und er über sie herrschte, ohne auch nur einen Befehl geben zu müssen. König Rey selbst enthielt sich jeder Beteiligung an solcher Spekulation – mag sein, dass er die Antwort gar nicht kannte. Oder sie einfach nur unerheblich war. In jedem Fall aber war er der Weiseste unter den Königen des Dschungels, geboren dem Fluss und der Flamme – und auch nicht. So zumindest erzählte man es sich. Oft kamen andere Könige und auch einfache Bürger zu ihm, die sich auf der Suche nach irgendeiner letzten Wahrheit wähnten. Kehrten sie von ihm zurück, sprachen sie niemals über den Rat des Panthers – schworen aber auf seine unerschöpfliche Weisheit, die zu verstehen meist erst nach vielen Jahren des Nachsinnens über seine Worte gelang. Wenn überhaupt. Doch auch jene, die nicht ergründen konnten, was Rey ihnen versucht hatte zu zeigen, suchten den Fehler nie bei ihm, sondern stets bei sich selbst.
So kam eines Tages wieder ein Herrscher zu ihm; einer, der seiner Rechte überdrüssig war und sich hehren Pflichten auf der Spur wähnte. Nachdem er selbst alle Genüsse hatte gekostet, all seinen Untertanen Gerechtigkeit hatte widerfahren lassen und letztlich beinahe alles Leiden dem Leben hatte genommen, sah er sich allen einstigen Erwartungen und Hoffnungen zum Trotze noch immer nicht am Ziel seines Schicksals angelangt: Dem Leben auch das allerletzte Leiden zu nehmen – den Tod, oder zumindest die Angst vor diesem. In seiner Erschöpfung also reiste er durch den Dschungel, um sich an diesen Einsamen zu wenden, von dem man sich erzählte, es sei der Dschungel selbst, der mit seiner Zunge spreche. Als er ihn endlich gefunden hatte, trat er vor ihn und rief ihn an: “O Pantherkönig, der du schon so vielen Königen den Weg zeigtest, ich flehe dich an, weise auch mir meinen Platz im Dschungel zu, auf dass ich meinem Volk alles Glück schenken kann, das es verdient in seiner Gerechtigkeit!” Der Panther Rey aber senkte nur den Blick und sprach: “Ich fürchte, du überschätzt mich, edler Löwenkönig. Keinem Wesen habe ich je den Weg gezeigt, habe ich doch niemals einem von ihnen eine Anweisung erteilen wollen. Die verschiedensten Fragen haben sie mir gestellt, alle erhofften sie sich eine weise Antwort. Doch bieten konnte ich stets nur zwei Gegenfragen, deren Zweite es sich nur zu stellen lohnt, nachdem die erste bejahet ward. Diese erste Frage ist nämlich die Folgende: Bist du bereit dazu, dir selbst die einfachste aller Fragen zu stellen, und solange über sie nachzudenken, bis du dir ihrer unendlichen Bedeutung bewusst wirst – obwohl du zwangsläufig erkennen musst, dass du eine vollendete Antwort wirst niemals finden können?” Wie alle Ratsuchenden vor ihm, so entgegnete natürlich auch der Löwenkönig ein begieriges Ja, um gleich die zweite Frage zu erfahren, diese einfachste aller Fragen, deren Beantwortung alle Weisheit des Dschungels zu versprechen schien. Aber der Panther Rey lächelte nur und fragte: “Glaubst du, dass es mehr Sinn macht, dir nun jene Frage aller Fragen zu nennen, anstatt dich sie selbst suchen zu lassen?” Als der Löwe nun nach einem Moment der verwirrten Stille begriff, dass eben dies die zweite der beiden besagten Fragen gewesen sein musste, der Panther ihm also nicht jene eine Frage aller Fragen würde eröffnen, deren Bedeutung zu ergründen die Quelle aller Weisheit zu sein der Dunkle versprach – da überkam den Löwen große Enttäuschung ob dieses scheinbaren In-die-Irre-Führens … doch übte er sich in Beherrschung, wie er es sich im Laufe seines eigenen Philosophierens hatte angeeignet, und verharrte kurz in Trance, bevor er sich mit einem Seufzen zum Rückzug wandte. “Einen Hinweis jedoch habe ich dir anzubieten!” rief ihm der Panther da hinterher. Und als der Löwe sich wieder umdrehte, sah er den dunklen Weisen in Richtung des großen Flusses deuten, der sich rauschend seinen Weg durch das Grün bahnte, und den man im Volksmund auch “das Eine” nannte, war er doch das einzig fließend Wasser im Urwald, neben den zahlreichen Seen, deren Wasserstand allein von den Regenzeiten abhing – weswegen man davon ausging, dass alles Leben einst über des Flusses Strom im Dschungel verbreitet wurde und sich noch heute aus ihm speiste. Als der Löwe – im Rätsel versunken – sich zum Dank noch einmal dem Panther zuwandte, war dieser verschwunden. Eben noch da, nun schon fort.

Der Löwe machte sich also auf den Heimweg. Viele Tage und Nächte dauerte die Reise, während der er in Gedanken nur bei dieser letzten Geste des Dunklen war. Und wie er über den Fluss nachdachte, und über Wasser im Allgemeinen, und über den Regen, das Fließen – über das Einzigartige, das Leben und das Unerklärliche – aber auch über die bewusste Provokation des Pantherkönigs, das scheinbare In-die-Irre-Führen, möglicherweise als Charakterprüfung – oder doch als viel tieferes Rätsel? Und der Löwe dachte nach über das plötzliche, lautlose Verschwinden des Weisen, über dessen Bescheidenheit und die Legende, nach der er “aus dem Fluss und der Flamme ward geboren und auch nicht” – wo hörte das Rätsel auf, oder gehörten gar alle diese Legendenschnipsel und Assoziationen zur Gesamtheit des Gedankenlabyrinthes dazu, welches dem Löwen durch dieses Erlebnis mit dem Panther Rey vor die Schnauze gesetzt wurde und nun so verführerisch aber auch tiefdunkel glitzerte … da bemerkte der Löwenkönig nicht, wie die Tage und Nächte ineinander verschmolzen, wie die körperliche Heimreise verblasste und die geistige Reise ihn nur immer weiter weg führte von seiner Herkunft. So weit, dass er sich ihr von der anderen Seite wieder näherte, ohne es zu merken.
Als er schließlich zuhause ankam in seinem Königreich, hielt er es für ein fremdes. Denn in den Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden seiner Wanderschaft waren die Bäume gewachsen, die Seen vertrocknet und neue entstanden, seine Dienerschaft war lange schon gestorben und die Kindeskinder bildeten nun den Staat. Vom Paradies von einst war nichts übrig geblieben: Diebe fühlten sich wohl in der beständigen Dunkelheit, Mörder lebten vom Blut ihrer Opfer und Korruption zerfraß die Gesellschaft. Wie der Löwe erfuhr, hatte ein großer, weiser König das Volk einst regiert, und alle Tiere lebten in Glückseligkeit – doch dann sei der König, der seine Aufgabe erfüllt zu haben meinte, weitergezogen, um ein nächstes Volk zu erlösen. Und so verfiel die Kultur, Räuberei und Unzufriedenheit machten sich wieder breit. Die Stärksten und Klügsten der einstigen Untertanen schwangen sich zu Herrschern auf, bemühten sich, die Lücke wieder zu schließen, die der große König hatte hinterlassen. Manche aus guten, viele aus üblen Motiven. Doch viele Generationen hatte es gedauert, bis wieder ein einigermaßen stabiler Staat errichtet worden war. Von den glorreichen Zeiten der Glückseligkeit kündeten schon lange nur noch Legenden und alte Lieder, die die einfachen Leute von Mund zu Mund weitergereicht hatten, während die Guten unter den Gebildeten im Streit um die vernünftigste Herrschaftsform ihre Wurzeln längst vergessen und die Üblen unter ihnen diese Wurzeln bewusst unwiederbringlich verschleiert hatten. Nun aber gab es wieder einen König: einen noch recht jungen Löwen, der aber als gerecht und bei allen leiblichen Schwächen auch als vernünftig galt – das Alter würde ihn noch zu Weisheit führen, so sprach man sich im Volke gegenseitig Mut zu.
Der alte Löwe also hatte zwar sein eigenes Reich nicht wiedergefunden, dafür aber ein anderes – eines, das nicht perfekt war, wie damals das Seine, als er dort seine Herrschaft hatte angetreten. Vielleicht könnte er hier nun wieder wirken, sein Schicksal schien ihm eine neue Aufgabe zugeteilt! So trat er dem jungen König vor Augen und bot ihm seinen Rat an, ohne jeden Anspruch auf Entlohnung. Und der junge Herrscher ward schnell überzeugt von der Weisheit des Alten, sodass er diesem bald den Posten seines engsten Beraters gab.
Auf die Frage, wie man die Kinder erziehen sollte, antwortete der alte Löwe: “Kindern möge von Anfang an klargemacht werden, dass sie am glücklichsten werden, wenn die ganze Welt glücklich ist.” – “Und wie sollten Verbrecher bestraft werden?” wollte der junge König wissen. “Strafe ist immer Rache, und damit der falsche Weg – lieber sollen Verbrecher gelehrt werden, auf dass sie möglichst bald wieder funktionierender Teil der Gesellschaft sein können.” – “Und sollte es Privatbesitz geben?” – “Solange jemand Privatbesitz wünscht, wird auch kein Verbot diesen Wunsch vernichten können. Also sollte viel mehr durch gutes Vorbild vorangegangen werden, indem man den Mitbürgern zeigt, dass man ohne Besitz sehr viel glücklicher leben kann.”
Noch viele Jahre konnte der alte Löwe auf diese Weise Gutes tun; das Reich erblühte, das Volk lebte in Harmonie und die Verbrechen nahmen ab, ohne dass dazu drakonische Strafen oder andere Unvernunft als Mittel zum Zwecke hätten herangezogen werden müssen.
Die Frage nach der Frage aller Fragen aber hatte der alte Löwe längst vergessen – er bedurfte ihrer nicht mehr, jetzt, wo er wieder Sinn in seinem Leben sah. In seinen Mußestunden aber begab er sich gerne an die Ufer des Flusses – die Ufer hier erinnerten ihn an jene seines Heimatreiches, auch wenn hier die Bäume sehr viel mächtiger in den Himmel ragten. Natürlich wusste er, dass es der selbe Fluss war – denn es gab ja nur diesen einen im ganzen Dschungel und der zog sich eben vom einen Ende bis ans andere, durchspülte jedes Reich des vielleicht grenzenlosen Urwaldes.
Viele Jahre guten Rates und weisen Unterrichtens des jungen Königs später war der alte Löwe langsam gebrechlich geworden, seine Mähne war weiß und grau und er dachte wieder über das Sterben nach. Schon lange hatte er die Angst vor dem Tode überwunden, sie gar in eine gewisse Vorfreude umwandeln können. Aber noch immer sehnte er sich danach, all jenen, die sich vor ihrem eigenen Sterben fürchteten, diese Ängste nehmen zu können, wenn er sie schon nicht vor dem Tode selbst bewahren konnte. Aber inzwischen war er zu müde, um sich ernsthaft zu grämen. Also besann er sich auf den eigenen Tod, der sich spürbar näherte. Seinem Testament verpasste er den letzten Schliff – und übergab es seinem König und Schüler zur Verwahrung.
Ein letztes Jahr später dann lag der alte Löwe auf dem Sterbebett. Sein König, der inzwischen selbst ein weiser Mann mit dem ersten Grau in der Mähne war, wich ihm nicht von der Seite in diesen letzten Stunden. Der Alte merkte, dass seinem Schüler etwas auf der Seele lag, und so bat er ihn: “Sprich aus, was dich beschäftigt, mein Freund – Ich will dich nicht mit Problemen allein lassen, bei deren Lösung ich vielleicht hätte helfen können!” Der König lächelte und sprach: “Selbstlos wie immer, mein großer Lehrer! Es ist nur so: Ich will dir die höchste Ehre zu Teil werden lassen, die mir möglich ist. Und du hast in deinem Testament verfügt, zu Asche verbrannt und in den Wind gestreut zu werden, anstatt deinen verdienten Platz in den Grüften der Staatsmänner einzunehmen. Nie würde ich dir deinen Wunsch verwehren – aber hast du nicht wenigstens einen besonderen Ort, an dem wir deine Asche dem Winde übergeben dürfen? Vom höchsten Baume aus vielleicht? Oder vom Dach meines Palastes? Auch bis in dein Heimatreich würde ich deine Überreste bringen lassen – sogar eigenhändig würde ich sie dort hintragen!” Ein letztes Lächeln schlich über des Alten Gesicht. Nur ein Ort fiel ihm ein: “Das Eine. Verstreu mich über dem Einen!” Doch in all den Jahren der Abwesenheit des alten Königs war dieser volkstümliche Name des einzigen Flusses im Dschungel in Vergessenheit geraten; danach hatte man das fließende Gewässer eine Zeit lang den “Deiwos” genannt, inzwischen nannte man ihn die “Skientia”. Daher beherrschte den jungen König ein verunsicherter Blick, als er – die geistige Klarheit seines langjährigen Lehrers traurig anzweifelnd – diesen fragte: “Was ist … “das Eine”?” Da begriff der Alte es. Und als der letzte Schwall Leben ihn durchspülte und ihn unaufhaltsam in Richtung absolutes Gleichgewicht trug, waren seine letzten Worte: “Es ist der Fluss. So nennt man ihn in meiner Heimat. Aber wichtiger: Erinnere dich dieser deiner letzten Frage an mich, falls du eines Tages den Weisesten aller Könige suchst. Und ein Blick in die Skientia wird dir vielleicht irgendwann ein verschwommenes Bild von ihm zeigen.”

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