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Untergrund

3. September 2011

Ihr fragt mich, warum ich nie im hinteren Wagen der U-Bahn einsteig? Ok.
Ich kann euch einfach die Antwort nennen, und ihr werdet mir auf keinen Fall glauben – oder ich kann euch die Geschichte erzählen, wies dazu kam, dass ich heute so… paranoid bin – wie ihrs wahrscheinlich nennen würdet.
Ob ihr mir die Story abnehmt, steht auf einem ganz andern Blatt geschrieben. Ich weiß ja, dass allgemein bekannt ist, dass Verrückte und Geisteskranke dazu neigen, die verwegensten Erklärungen für ihre diversen Wahnvorstellungen parat zu haben. Vielleicht also… wird man auch mich und mein Gerede in genau diese Kategorie schieben.
Aber, egal. Ich werd euch meine Erlebnisse schildern, ob ihr es wollt oder nicht.
Ihr könnt natürlich nicht hinhören, wenn ihr es gewohnt seid, stets eure Augen vor der Wahrheit zu verschließen und die Ohren zu verstopfen, auf dass ihr sie nicht hört, die Weisheiten, die durch die Erfahrung einiger weniger wacher Männer erlangt wurden.
Aber ihr könnt meiner Erzählung auch lauschen, mit den spitzen Ohren und dem noch spitzeren Verstand eines Hinterfragenden, den es schon lange ankotzt, die Wahrheit nur durch die Zeitung und die allabendliche Tagesschau präsentiert zu kriegen. Denn – es ist nicht alles so geordnet und überwacht, wie es so mancher zu predigen und uns zu versichern pflegt. Es gibt tiefere Wahrheiten.
Die echte Wahrheit, wie man sie nur erfahren kann, und nicht erzählt kriegt. Die Wahrheit, die unter uns liegt – teilweise auch wörtlich unter uns, tief unter der Erde, im Untergrund. Bedeckt vom alltäglichen Gang der Dinge – Begraben vom Alltag der Massen. Eine abnormale Welt verborgen im Allernormalsten der Großstadt.
Versteckt. Zwischen Beton, der für des Staates Fundament steht, wie er in Straßen, Häusern und sämtlicher Infrastruktur benötigt wird. Und zwischen unterirdischen Schienen, die die Mobilität, den regen Verkehr der vielen unterschiedlichen Menschen in dieser Stadt und ihrer Bedeutung für die weltweite Wirtschaft symbolisieren.
Zwischen diesen trügerischen Eckpfeilern unserer westlich-demokratischen Zivilisation hat sich ein kleiner Unterschlupf gebildet für den Typ Mensch, der in der heutigen Welt der schlimmste aller Verbrecher ist: Der Mörder. Und zwar der, der sich bewusst dafür entschieden hat.
In Frankfurt spricht die offizielle Polizeistatistik jährlich meist von etwa knapp über 500 Vermissten. Davon sind die meisten Kinder und Jugendliche, die in den nächsten Tagen sowieso wieder auftauchen. Nur etwa 50 Personen bleiben dauerhaft vermisst, und werden meist erst nach einigen Jahren irgendeiner Straftat als Todesopfer zugeordnet. Doch ein kleiner Teil, vielleicht jährlich nur eine Handvoll, bleiben für immer verschwunden.
Dazu kommt dann noch die vage Dunkelziffer derer, die illegal in Deutschland leben. Diese Dunkelziffer schwankt zwischen 30 und 100 Vermissten jährlich.
Und diese insgesamt – sagen wir 50 bis 60 Verschwundenen pro Jahr, das sind im Monat… etwa fünf Personen – man kann sagen durchschnittlich eine Person pro Woche – verschwindet einfach. Nie wieder gesehen, weg. Meistens sind es Illegale, weil nach denen seltener  gesucht wird. Aber auch von den anderen wurde noch nie eine Leiche gefunden.
Und das, was ich und die Frankfurter U-Bahn damit zu tun haben, werdet ihr fragen… das ist der Fakt, dass ich keine dieser wöchentlichen Personen sein will, die verschwindet. Insbesondere deshalb nicht, weil ich weiß, was mit diesen Verschwundenen geschieht…
Habt ihr noch nie mitten in der Nacht an einer unterirdischen U-Bahnstation auf die erste Bahn gewartet? Und wenn ja, habt ihr vielleicht einmal von irgendwoher Musik erklingen gehört, oder irgendwie gemeint, etwas wie ein lautes Lachen gehört zu haben, obwohl weit und breit nichts los ist? Vielleicht. Aber wohl eher nicht.
Und selbst wenn ihr mal so was erlebt habt, werden euch sicher nicht gleich gruselige Gedanken gekommen sein. Vielleicht haben diese U-Bahnstationen ja irgendwie Lautsprecher, auf den nachts leise Musik gespielt wird, um die sonst ja eher unangenehme Atmosphäre einer nächtlichen U-Bahnwartezeit etwas zu mildern… So was in der Richtung hab zumindest ich mir gedacht, als ich diese Musik früher ab und zu gehört hab. Jeder abwegige Gedankensprung in Richtung etwas Mysteriösem, Unheimlichem, wäre doch zu absurd für einen geborenen… Demokraten, der mit viel… „ratio“ nach Kants kategorischem Imperativ erzogen wurde und im… „hochzivilisierten“ Deutschland aufgewachsen ist, wo der Staat doch noch alle Kontrolle über sein gesamtes Hoheitsgebiet hat und Korruption nur eine Ammenmär aus antikommunistischen Propagandavideos der vergangenen Jahrzehnte ist.
Aber ich musste die harte Wahrheit erfahren, die – wenn auch unabsichtlich –  von der typisch deutschen Korrektheit verschleiert wird.
Kein Beamter hörte auf mich, als ich versuchte zu helfen.
Kein Verantwortlicher bei der Verkehrsgesellschaft wollte Beweise sammeln.
Und ohne Beweise bleibt den Beamten bei der Polizei ihr Recht, nichts zu tun.
Alles andere wäre ja grundloses Einmischen in Privatangelegenheiten, da ja kein handfester Verdacht vorläge. Und die „Öffentlichen“ Verkehrsmittel in Frankfurt und dem Rhein-Main-Gebiet sind ja schon lange privatisiert, und damit wohl also „Privatsache“.
Es ist also stets bei meinen eigenen… „Ermittlungen“ geblieben, wenn man es überhaupt so nennen kann. Es sind eher einfach nur Erlebnisse, Begegnungen und daraus folgende Überlegungen, die ich euch präsentieren kann. Ihr müsst euch am Ende selbst entscheiden, ob ihr zum genau gleichen Schluss kommt, wie ich, ihr müsst euch fragen, inwieweit ihr mir Glauben schenken könnt und auch den Leuten, denen ich selbst Glauben geschenkt habe, während ich diese Dinge erlebt habe. Das Ergebnis all dessen liegt beim Zuhörer, der selbst dafür verantwortlich ist, was er für Konsequenzen zieht. Ich für meinen Teil hab mein Ziel erreicht, wenn ich nur einen einzigen Menschen von der Gefahr überzeugen kann, die von leeren U-Bahnstationen und –waggons ausgeht.
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Ich weiß nicht so recht, wo ich genau anfangen soll, aber am Besten wohl mit dem ersten Erlebnis, was mich wirklich zum Nachdenken brachte.
Es war eine Nacht mitten in der Woche. Nachdem ich mein Abitur geschafft hatte, hab ich erstmal paar Wochen so gechillt wie ich Bock hatte und war so meistens nachts wach und schlief tagsüber. Also war ich mal wieder um kurz vor Vier an der unterirdischen Station Merianplatz und wartete auf die erste U-Bahn.
Außer mir war nur noch ein weiterer wartender Fahrgast da. Ein älterer, dunkelhäutiger Mann, der lebhaft mit seinem Handy telefonierte und scheinbar sehr gut gelaunt war. Also andauernd lacht er laut auf und ich stell nach dem dritten Mal die Kopfhörer von meinem MP3-Player ein Stückchen lauter, weil es mich schon ziemlich nervt nach jeden vier Zeilen von Azad ein von Raucherhusten gebeuteltes Lachen aus rauer Kehle im Background zu hören.
Dann klingelt mein Handy und mein alter Kollege Alex ist dran. Er ist voll besoffen und begeistert, als er hört, dass ich am Merianplatz bin, weil er grad vom Hauptbahnhof auf dem Weg hierher sei. Ich geh also hoch auf den Bahnsteig für den Zug aus der anderen Richtung, um mich mit Alex zu treffen – dem sein Zug sollte gleich kommen.
Zwei Minuten später ruft mich Alex noch mal an und sagt, dass er voll verpeilt hat, dass ja alle noch irgendwo anders hingehen wollten, und er noch wegen irgendwas mitgehen will, er entschuldigt sich mit seinen zwei Promille übertrieben, dass er doch keine Zeit mehr hat und ich geh wieder runter auf meinen Bahnsteig. Insgeheim natürlich hoffend, dass der Schwatze sein Telefonat erledigt hat und ich wieder in Ruhe Mucke hören kann. Aber der Schwarze war gar nicht mehr da.
Da war ich natürlich verwundert, weil ich keine Bahn gehört hatte, die vorfahrplanmäßig gekommen hätte sein können und ihn auch nicht den Bahnsteig hab verlassen sehen. Der Alte war einfach – weg. Komisch. Irgendwie erschien mir das ganze in jenem Moment jedoch noch nicht allzu verdächtig. Ich war wohl in erster Linie froh, dass ich relaxed Musik hören durfte. Aber in Zusammenhang gesetzt mit einigen späteren Erlebnissen meinerseits – sollte diese Sache noch an Bedeutung gewinnen. Mir wurde klar, dass da damals schon etwas sehr… beunruhigendes stattgefunden haben muss.
Erst als ich ein paar Wochen später einen Obdachlosen traf, erkannte ich endlich die Brisanz der Sache mit dem alten Schwarzen.
Ich war auf dem Weg zum Nachtbus durch einen Park im Anlagenring, da bei Musterschule in der Nähe – da fragte mich ein Penner nach einer Zigarette.
Ich, der ich grade ein Päckchen am Automat gezogen hatte, kein Problem, hab ihm natürlich eine gegeben. Feuer hatte er auch nicht. Er sagte nur irgendwas von wegen, wie kalt es ist, und ich wusste was er meinte, ich hatt auch nur einen dünnen Pullover und der Wind pfiff uns heftig um die Ohren. Ich fragte ihn, warum er denn nicht in ein Obdachlosenheim geht, wenigstens, wenn es so Abturn kalt ist wie heute. Er meinte, er werde gesucht, er kann sich nicht offiziell irgendwo melden… Ok. Ich dachte mir halt, jaja, die Obdachlosen, wie auch immer. „Warum pennstu dann net wenigstens inner U-Bahnstation oderso.“ hab ich ihn dann noch gefragt und da sagte er: „Die U-Bahn? Da haust etwas, was schlimmer ist, als die bitterste Kälte.“ Ich kuckte ihn nur verwirrt an, dachte mir, was kommt jetzt, aber plötzlich dachte ich wieder an die Sache am Merianplatz. Der Kerl ist schließlich einfach verschwunden, ich war mir doch damals schon so sicher, dass weder eine U-Bahn gekommen war, noch dass er abgezogen ist. Er hätte höchstens über die unterirdische Schienenstrecke zu einer der Nachbarstationen laufen können, aber – wer bitte macht so einen Quatsch. Der Typ lachte zwar etwas zu ausgelassen für meinen Geschmack, aber wer weiß, was für glückliche Infos er beim Telefonieren gehört hatte. Das machte ihn zumindest noch lange nicht zu einem Verrückten, der nachts durch die U-Bahntunnel spaziert…
Auf jeden Fall dachte ich kurz an den Kerl, als der Penner das gesagt hatte und fragte den dann aus Neugier halt, was er denn damit meinte, dass da was „haust“, was so schlimm ist. Aber der sagte nur so was wie: „Ach vergiss es, hoffentlich wirst du das nie erfahren müssen… Bist ein echt korrekter Kerl. Danke für die Kippe noch mal.“ Und dann ging er weiter seines Wegs im heulenden Herbstwind, der ihn im übrigen fast weggeblasen hätte, den klapprigen Kerl…
An dem Abend, als ich dann zu Hause war, hab ich noch mal ausgiebiger über die Dinge nachgedacht, die ich versuchte miteinander in Verbindung zu setzen. Und es erschien mir alles ziemlich einleuchtend, wenn auch grauenvoll. Aber es weckte definitiv mein Interesse. Von da an achtete ich in meinen Wartezeiten an diversen U-Bahnstationen gezielt auf verdächtige Situationen.
Und es sollte gar nicht mehr lang dauern, bis sich mein fürchterlicher Verdacht erhärtete und kurz darauf sogar – zu meinen Ungunsten – bestätigte. Aber alles der Reihe nach.
Das soll jetzt nicht heißen, dass ich das Unheil gesucht hätte, nein! Ich bin einfach nur in diesen Strudel rein geschlittert, fast wie durch etwas wie… das Schicksal getrieben. Aber es war nur meine Beobachtungsgabe, die es dazu brachte, dass es mich so hart traf. Ich wollte nur helfen.
Aber meine Hilfe war erfolglos, ja sie beförderte mich selbst in den Zustand des dringend Hilfsbedürftigen.
Nur viel von dem, was man landläufig als „Glück“ bezeichnet, konnte mich im Endeffekt retten.
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Ich sitz also mal wieder in einer nächtlichen U-Bahn auf der U4-Linie und hör voll stoned „Böhse Onkelz“ aufm Mp3-Player, auf voller Lautstärke – wie immer halt. Fast wie in Trance starr ich einfach nur so im leeren Waggon, im mittleren sitz ich – rum, als plötzlich die Bahn anhält. Also mitten im Tunnel. Das mag jetzt eigentlich noch nichts außergewöhnliches sein, hält ja auch öfter mal im Tunnel an, wenn Bauarbeiten sind oder es irgendwo anders auf der Strecke Stau oder technische Probleme gibt oder so was. Aber es war halt gerade erst kurz vor halb Fünf morgens und noch dazu am Wochende… Aber selbst das reicht natürlich nicht, um die Situation wirklich „verdächtig“ erscheinen zu lassen. Es musste erst noch was andres passiern…
Als die U-Bahn also so stand da im Tunnel, wurd ich langsam ungeduldig. Ich reckte und streckte mich, nahm mal die Kopfhörer raus, falls ne Ansage kommt, aber ich sah und hörte nichts. Bis ich nach hinten, durchs Fenster bei der leeren Fahrerkabine gekuckt hab.
Im hinteren Waggon tat sich was. Ich stand von meinem Platz auf, um näher ans Fenster zu gehen und sah genau in dem Moment als ich durchschaute noch, wie eine Frau durch eine offene Tür raus fiel – oder gerissen wurde. Dann ging die besagte Tür zu und fast sofort setzte sich die Bahn wieder in Bewegung.
Ich stand wie geschockt da am Fenster, dreh mich panisch um und atme erleichtert auf, als ich feststelle, noch immer allein im Waggon zu sein. Ich denk nicht dran mich wieder hin zu setzen und steig bei der nächsten Station, Merianplatz, sofort aus. Da geh ich schnellen Schrittes die Treppe hoch und lauf erstmal Richtung Konsti.
Als ich mich wieder gefasst hatte war ich dann doch mit der U6 nach Haus gefahrn, obwohl ich zuerst aus Angst laufen wollte. Zuhaus hab ich dann überlegt die Bullen anzurufen deswegen, aber dann hab ich mir gedacht, am Ende, wenn die ganz und gar keine Spuren finden, was ja durchaus sein könnte, auch wenn ich Recht hab, am Ende krieg ich noch ne Anzeige wegen falschem Notruf oder so was. War nem Freund von mir tatsächlich mal passiert mit ner allerdings etwas nichtigeren gemeldeten Straftat, aber egal. Auf jeden Fall hab ich nicht die Polizei informiert. Noch nicht, dacht ich mir…
So weit so gut, ich war mir inzwischen natürlich sicher, dass in der Frankfurter U-Bahn etwas Unheimliches geschieht, aber ich wollte noch nicht auf die bequeme U-Bahnnutzung verzichten. Ich würd einfach aufpassen, wenn ich allein an Stationen oder in Fahrzeugen der VGF bin, dass sich mir keiner unbemerkt von hinten nähern kann, dann hab ich immer noch die Gelegenheit zu flüchten bei nem Angriff. Dachte ich. Aber bald konnte ich die Dinge nicht mehr so einfach an mir vorbei gehen lassen, als ob es mich nichts angeht.
Mein nächstes Erlebnis war definitiv selbst heraufbeschworen, ich hätte wieder einfach meines Wegs gehen können. Aber diesmal wars mir einfach zu krass, diese Schandtat konnte ich nicht mehr ignorieren.
Ich kam grad an Leipzigerstr. U-Bahnstation die letzten Treppen herab auf den untersten Bahnsteig, wo meine U6 Richtung nach Hause fährt. Diesmal wars mal die letzte Bahn die ich nehmen wollte. Ich musste damals meinen Schlafrhythmus langsam mal wieder hinkriegen nach dem ganzen Nachtdurchchillen in der Zeit nachm Abi …
Auf jeden Fall war die Rolltreppe kaputt, weshalb ich die Treppe genommen hab. Und das war mein Glück – oder auch Pech, sonst wäre ich wohl direkt entdeckt worden, wenn die Rolltreppe laut aufheulend angesprungen wär. So konnte ich aber, als ich Geschrei hörte, innehalten und vorsichtig beobachten, was da abgeht.
Ein U-Bahnfahrer wurde von einem Vater, der seine vielleicht sechsjährige Tochter dabei hatte, wegen irgendetwas eindringlich angebabbelt. Der Mann konnte nicht sehr gut deutsch und das nervte den VGF-Bediensteten wohl am meisten. Er fragte dauernd nach was redest du da, Freundchen, lern erstmal Deutsch bevor du herkommst. Plötzlich schien er dann vor lauter Wut außer Puste geraten zu sein und hörte auf mit dem Rumschreien und Rumfuchteln. Dann hat er kurz den Bahnsteig auf und ab geblickt, der Kamera ein müdes Lächeln zugeworfen, und eins von diesen Elektroschockgeräten aus der Tasche gezogen. Sofort schockt er den Vater, der natürlich zu Boden geht und die kleine Tochter, die anfängt zu weinen, ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken. Ich trau meinen Augen kaum und so kommt leicht zeitverzögert das Gefühl des in mir hoch pumpenden Adrenalins wie… eine Welle, die über mich schwappt, während ich erst realisiere, wovon ich grad Zeuge werde. Ich konzentrier mich wieder aufs Wesentliche und seh, wie der U-Bahntyp seine zwei Opfer mit irgendwas fesselt und dann über den Bahnsteig schleift Richtung Tunnel zur Station Kirchplatz.
Bis hierhin hatt ich noch nicht den Mut mich auch nur von der Stelle zu rührn, ich wollt auf keinen Fall auf mich aufmerksam machen. Aber jetzt, wo er Weg war, und der Bahnsteig auch sonst wie leergefegt war, bin ich nach etwa zwei Minuten dann doch hinterher in den Tunnel geschlichen, mein Butterfly gezückt und mein Handy als „Lampe“ in der andern Hand.
Mann. Ich mein, immerhin war ich als Siebtklässler schon mal durch nen U-Bahntunnel gelaufen, sodass ich zumindest einen Bruchteil dieses Gefühls dadrin schon kannte… Aber erstens war es damals ein zweigleisiger Tunnel gewesen, und jetzt nur ein eingleisiger, der kaum mehr Platz zum ausweichen bieten würde – Und zweitens war damals für mich noch nicht die ganze U-Bahnanlage das Reich eines psychopathischen Killers.
Aber da musste ich jetzt durch, wollte ich jetzt durch, das konnte doch nicht wahr sein, dass vor meiner Nase ein heimtückischer Mord passiert, und ich nicht mal versuche, was zu machen.
Geistesgegenwärtig wie ich war versuchte ich die Polizei zu verständigen, doch im Tunnel war kein Empfang. Nach kurzem Überlegen bin ich dann extra noch mal rausgerannt aus dem Tunnel und auf den Bahnsteig. Da hab ich dann auch gleich eine von diesen Notrufsäulen gesehn und bin hin. Aber die Chaya auf der andern Seite mit ihrer seelenruhigen Stimme hat einfach gar nicht gepeilt, dass es nichts bringt, wenn sie eine Anzeige aufnimmt… Anstatt direkt jemand zu schicken, paar Bullen, wenigstens Zwei… Wär sicher nicht wirklich problematisch gewesen, hättens sicher in paar Minuten geschafft, solang hätt ich dann noch aufm Bahnsteig gewartet und wär mit denen als Verstärkung wieder in den Tunnel. Aber die Schmocks, kommen nur dann, wenn sie Bock haben, nicht wenn sie gebraucht werden, immer wieder das selbe…
Also bin ich dann doch allein reingegangen, hab die blöde Schlampe vom Notruf einfach weiterplappern lassen und bin zurück in den Tunnel. Und mit dem Licht von meinem Handy fand ich nach nur ein paar Metern, naja sagen wir nach dreißig Metern – eine Tür.
Es war eine schwere Stahltür und sie war angelehnt. Der Spalt war so klein, dass man nichts sehn konnte, also wollt ich die Tür ein ganz kleines Stück weiter öffnen. Ein großer Fehler, wie ich mir im Nachhinein eingestehen muss, der mir – hätte ich ihn mir nicht geleistet – einiges an Unannehmlichkeiten erspart hätte… Aber später ist man immer schlauer.
Naja, was dann passiert ist, kam mir alles sehr schnell vor: Durch das Ziehen an der Tür ist dahinter irgendwas übertrieben laut schepperndes zu Boden gefallen und sofort hörte ich Flüche und eilende Schritte hinter der Tür, die ich immer noch nicht gewagt hatte richtig aufzumachen. Und dazu kams dann auch nicht mehr, weil ich lieber so schnell ich konnte abgezogen, stolpernd über die Schienen gerannt bin, ekelhaft gehustet hab vom Staub der dabei aufgewirbelt ist und nach kurzer Zeit auch schon die immer näher kommenden Schritte in meinem Nacken gehört hab. Ich musste nur noch zehn Meter schaffen um ins Helle zu kommen, den Bahnsteig zu erreichen, dort, so hatte ich gehofft, würd ich sicher sein. Keine Ahnung, warum ich das gedacht hab in dem Moment. Aber es blieb eh nur ne Hoffnung. Weil plötzlich wurde mir einfach aus heiterem Himmel ein Bein fest gehalten und weggerissen, sodass ich übelst auf die Schnauze gefallen bin in den ekelhaften Dreck auf den Gleisen. Es wären nur noch zwei große Schritte gewesen bis zum Licht, dacht ich mir in dem Moment, als ich plötzlich ruckartig an meinem Bein zurück in den Tunnel gezerrt wurde, an einem Seil, über die harten Gleise, deren… Verstrebungen dauernd gegen meinen Rücken und Hinterkopf dotzen. Ich huste auch die ganze Zeit, dieser Staub, ihr wisst nicht, wie der die Lunge angreift, auch die Augen fangen mies an zu tränen. Und dann werde ich durch die Tür gezogen, vor der ich eben noch gestanden hab, und mich nicht getraut hab durchzugehn… So ein Scheißgefühl. Ich versuch zwar die ganze Zeit diese Schlinge um mein Bein abzukriegen, aber mein Messer hatte ich genau beim Sturz verloren, wie mir sehr viel später klar wurde. Ich hätte wohl eh nicht ans Messer gedacht, ich war erstmal froh nicht zu ersticken und meinen Kopf noch vor den Steinen zwischen den Schienen schützen zu können.
Ich erkenn nicht viel von dem Gewölbe, das sich hinter der Tür aufgetan hat. Aber ich bin natürlich erleichtert, dass zumindest der Boden angenehmer ist um darüber geschleift zu werden… Solider, ebener Beton.
Ich lande im Raum, wo auch der Vater und seine Tochter gefesselt aufm Boden liegen. Beide sind bewusstlos und an den Händen mit solchen Plastikverschlussbändern an ein Heizungsrohr oder so was gekettet. Ich kann nur nen kurzen Blick auf die Beiden erhaschen, weil der U-Bahnfahrer mir einen Tritt in den Rücken verpasst und ich, als ich mich wieder aufrappeln will um auf ihn drauf zu gehen, den schlimmsten Schmerz verspüre, den ich je erleben musste. Alle meine Muskeln durchzuckte so was wie… als ob jede einzelne Sehne dieser Muskeln zerrissen wird. Ein Stromschlag. Das wurde mir zumindest später klar, in dem Moment gingen mir nur die Lichter aus und ich kam zu mir, gefesselt, wie die beiden andern am Boden. Der Schaffner war weg. Der Vater hält die Hand seiner Tochter, die am ganzen Körper zittert, aber sie können sich nur mit den Fingerspitzen berühren, weil sie zu weit voneinander entfernt angekettet sind.
Ich selbst versuch gleichmäßig zu atmen, meine Gedanken zu kontrolliern, meine Kräfte zu sammeln, nachzudenken.
Und dann kam er wieder.
Ein fetter, deutscher, schwitzender Kahlkopf mit Brille und verkniffenen Augen. In den Händen hält er ein Ledermäppchen, das er mit schleimigem Grinsen öffnet und zeigt, dass da jede Menge kleiner, sehr scharfer Messer drin sind. Das Mädchen fängt an zu schreien und ihr Vater… kramt seine paar Brocken Deutsch in seiner Panik hervor und fragt nur mehrfach: Wahrrruum tuhen?? Wahrrruuum?
Ich blick dem Scheißkerl nur ohne eine Miene zu verziehen in seine toten Augen, als er voller Vorfreude eins der Messer aussucht und drehe mich mit Grauen weg von der Szenerie, als er tatsächlich anfängt das kleine Mädchen mit gezielten Schnitten an Armen, Beinen und Gesicht zu verletzen. Sie schreit nur in Panik, ihr Vater heult vor Verzweiflung und wimmert immer wieder mit Blick nach oben „Zaschto?? Zaschto??. Ein Russe oder Jugo also anscheinend. Der Arme. Aber später mehr zu ihm. Ich nämlich, konnte nicht mehr ruhig bleiben, ich sprang soweit es ging auf – ich war ja noch ans Heizungsrohr gefesselt – und schrie dem verdammten Wichser alles mögliche entgegen. Ich beschimpfte ihn als kranken, kaputten, verstörten, sonstwasnoch Hurensohn, Schande für die Menschheit und so weiter, bis er genug hatte und zu seinem Scheißschockgerät griff und mich wieder unter diesen qualvollen Schmerzen in die Bewusstlosigkeit schockte.
Als ich wieder zu mir komm, ist der Vater nicht mehr nur am Weinen, sondern würgt jetzt auch übel und kotzt immer wieder Flüssigkeit, in der er sich in seiner Verzweiflung fast zu wälzen scheint. Kein Plan warum genau er gekotzt hat, vielleicht wegen den Elektroschocks, vielleicht wegen dem, was er mit ansehen musste… Vielleicht war es auch nur die Kombination dieser beiden Faktoren…
Wie auch immer, dieser Sadist von einem U-Bahnfahrer hatte noch lange nicht genug von dem armen kleinen Mädchen. Er schnitt ihre Fesseln durch und warf sich das schreiende und überall blutend um sich schlagende Mädchen über die Schulter. Als er mit ihr den Raum verlassen hat, hatte er dem Vater noch fies grinsend erläutert: „Na, werd ich die Prinzessin mal vor den Altar führen…“, der Hundesohn…
Was dann folgte, möchte ich auf keinen Fall näher beschreiben, und es ist zum Glück sowieso in einem anderen Teil des unterirdischen Gewölbes geschehn. Er hat… wir hörten nur die Schreie der Tochter und auch nur diejenigen, die besonders laut waren. Natürlich war ich in dem Moment dankbar, nicht Zeuge dieses teuflischen Gewaltaktes sein zu müssen. Ich traute mich nicht mal, den Vater direkt anzuschauen, wie er in Trauer – nun stumm – nur leise wimmernd da hockte und am ganzen Körper zitterte. So blickte ich zu Boden und schwieg. Hoffte.
Ich wusste nicht genau, worauf ich denn hoffen sollte. Aber irgendwie war noch etwas in mir am glühen. Obwohl ich nicht den Hauch einer Chance zu haben schien, da wieder heil rauszukommen, hatte ich doch irgendwie das Gefühl, dass es das hier noch nicht gewesen sein konnte. Nicht für mich. Mein Leben hält noch was für mich bereit, das hier kann nicht das Ende sein, das darf einfach nicht sein.
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Nach gefühlten zwei Stunden – in Wirklichkeit wohl nur so 15 Minuten – knallt es dann in einem der hinteren Gewölbe. Ich und auch mein… nennen wir´s halt „Zellengenosse“ zuckten beide zusammen und blickten wie erstarrt in die Richtung der Schreie, die aber inzwischen verklungen waren. Ich ahnte schlimmes, und auch der Vater wird in diesem Moment die letzten Hoffnungen fahren gelassen haben. Der verdammte Psycho hatte dahinten das kleine, unschuldige Mädchen grausam vergewaltigt und danach erschossen.
Kaum hatten wir das beide stumm realisiert stand der Killer auch schon wieder in der Tür und grinste genüsslich.
„Du kannst jezz wat sehn, was nich viele Väter zu ´jesicht bekomm, Pappa! Dein Töchterlein ohne Gesicht:“
Und ich habs nicht mehr geschafft, wegzukucken, als das dreckige Schwein hinter sich die Leiche des kleinen Mädchens herzog und dem Vater vor die Füße warf, der den Leichnam unter seinem vor Schluchzern durchrüttelten Oberkörper begrub. Das Gesicht des Mädchens war von dem Schuss vollkommen zerfetzt worden und ihr einst hellgelbes Kleidchen hatte sich in einen rotbraunen Fetzen verwandelt, der triefend vor Blut auf dem geschändeten Körper klebte.
Ich hab die… unendliche Trauer des Vaters gespürt, wie sie den kleinen Raum sozusagen ausfüllte, und der geisteskranke U-Bahnschaffner darin badete, sich suhlte im Leiden des Mannes. Dabei sagte er einige Minuten lang kein Wort und bewegte sich auch kaum. Er stand nur so da, in der rechten Hand die Waffe umklammert, mit der er wohl auch das Mädchen erschossen hatte, und blickte verträumt den am Boden zerstörten Vater an.
Dann hob er den Arm mit der Knarre und zielte auf die Brust von dem Kerl.
Gerade wollte er wohl irgend eine Rede schwingen oder so, denn er fing irgendwie an mit, „Ja!! Das ist es! Dieses Gefühl… das ich… hierbei erfahre ist…“ aber wir erfuhren nie, welches Gefühl und was damit ist, denn in diesem Moment bekam der Mann völlig unvorbereitet und natürlich auch zur Überraschung von mir und dem andern Gefangenen, etwas gegen den Hinterkopf und er klappte einfach in sich zusammen. Die Waffe fällt ihm aus der Hand und ein Fuß in zerlumpten Schuhen tritt auf sie drauf. Der Mann, dem er gehört, ist klein und dürr, und als ich sein Gesicht erblicke erkenne ich ihn sofort wieder: Es war der Penner, dem ich damals mal ne Kippe geschnickt hab, und der mir von der U-Bahn erzählt hat, dass da etwas haust.
Und jetzt rettet er uns hier, der Schmutzfink. Welche Geschichten das Leben doch schreibt, unnachahmlich.
Mit einem Messer schnitt der Kerl uns wortlos die Plastikfesseln durch und sagte danach nur: „Verschwinden wir!“ Und er war schon auf dem Weg nach draußen. Ich warf noch einen Blick zurück und seh grad noch, wie der am Boden zerstörte Vater die Pistole auf den bewusstlos am Boden liegenden Mörder seiner Tochter richtet und abdrückt.
Ich zuck von dem lauten Knall zusammen und kann nicht verhindern, dass der Mann sofort danach die Waffe in seinen Mund steckt und abdrückt.
Ich hab noch sein Hirn an die Wand hinter ihm spritzen sehen, bevor ich mich umdrehen und endlich flüchten konnte. Dieses Bild wird mir auch nie wieder ausm Kopf gehen…
Als ich mich dem Bahnsteig näher und das erste Licht am Ende des Tunnels sichtbar wird, fällt mein Blick auf etwas Reflektierendes zwischen den Schienen und ich hebe mein Messer auf. Hätt ich das nur die ganze Zeit dabei gehabt… Vielleicht wär ich dann auch ohne Hilfe noch davongekommen.
Aber hat ja zum Glück auch so geklappt.
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Oben auf der Straße angekommen hab ich dann den Penner wieder getroffen und ihn natürlich sofort angelabert: „Des wars also, was da unten lebt, was noch schlimmer als die bitterste Kälte ist…“ Er hat mich zwar erst nur verwirrt angekuckt, aber dann schien er sich doch noch zu erinnern: „Ahja, die Kippe, danke noch mal!“ sagt er, und ich denk mir, alter was los mit dem „Ey, du hast mir grad so was von das LEBEN gerettet, scheiss ma echt auf diese eine billige Kippe, Kollege!! Ich danke dir, Bruder!! Und jetz erzähl ma, was dir damals passiert ist. Kannstu jezz wieder in Ruhe leben, ja?“
Aber der Typ lächelte nur traurig und schüttelte den Kopf. „Das war nur einer. Ich hab zwar etwas beschaffen können, was mir weiterhilft, aber in Frankfurt werde ich wohl nicht mehr sicher sein. Sie kennen mich zu gut. Du musst nicht sonderlich viel befürchten.“
Ich frag, „Wer sind „sie“ und was heißt…“ und dann peil ich: „Des sind mehrere Mörder? Ein ganzes Team womöglich??“ Das Schweigen des Mannes sagte alles und jetzt musste er mir alles erzählen. Seine Geschichte.
Er war U-Bahnfahrer bei der VGF. Und irgendwie ist er in den kleinen Kreis derjenigen VGF-Angestellten geraten, die dieses ganz spezielle Hobby pflegen. Er wusste nicht, wie weit diese Leute gingen, als er sich auf eine „Party“ in ihrem „Clubkeller“ einließ.
Als er das Ausmaß der Perversion jedoch erkannte, war er so überwältigt vor Angst, dass er erstmal mitspielte, und so tat, als ob ers voll geil findet, wie einer aus der Gruppe beispielsweise einen Jugendlichen, der an einen Stuhl gefesselt ist, mit einer Plastiktüte zum ersticken bringt, während ein anderer ein Stethoskop aufs Herz des Jungen presst und eine Stoppuhr in der Hand hat. Auch Friedo platzierte seine Wetten stets mit, wie lange das Opfer wohl aushält ohne Luft, bis sein Herz stehn bleibt…
Es gab da unten auch immer wieder Langzeitwetten, wenn es beispielsweise um Sachen ging wie Hungertod oder Verdursten, die halt ein bisschen länger brauchten als die herkömmlichen Mordmethoden in diesem Zirkel. Aber es gab wirklich alles, so schwor es mir Friedo, als er all das erzählte. Zu diesem Zeitpunkt sei er stets dabei gewesen zu planen, wie er aus diesem Schlammassel rauskommt, ohne ermordet zu werden oder selbst morden zu müssen.
Eines Tages war es dann aber soweit, er geriet in Zugzwang. Als Vertrauensbeweis verlangten die Anderen nun endlich einen Mord durch Friedos Hände. Eine junge Frau wurde ihm gefesselt in einen Raum gesperrt und… er bekam sein „Arsenal“, bestehend aus Messern, einer Pistole und einer… Kreissäge. Er wurde in den Raum geschickt und die Tür hinter ihm verriegelt. Jetzt gab es eigentlich keinen Ausweg mehr.
Er musste so tun als hätte er die Frau getötet, um dann die Leute, die ihm die Tür aufmachen zu überwältigen und aus den unterirdischen Gängen zu flüchten. Doch leichter gesagt, als getan: „Ich musst natörlich erstmah die Dahme beschwichtigen!“ hatter erzählt. Klar, die Frau wusste ja auch bis dahin nix davon, dass Friedo ihr eigentlich nichts antun will. Also musst er ihr erstma erklären, was denn los ist und dass sie so tun muss als ob sie gequält wird und Panik hat und so, und dann am Ende musste sie im toten Winkel mit der Kanone stehn und den Typ, der Friedo die Tür aufmacht erschießen. Danach rannten se natürlich beide Hals über Kopf raus durch die dunklen Gänge und liefen bald schon ein paar andern Psychopathen übern Weg. Die haben sofort gepeilt was abgeht und direkt das Feuer eröffnet.
Friedo konnte mit einer Wunde am Arm fliehen, während die junge Frau dem Kugelhagel zum Opfer gefallen war.
Die nächsten Tage traute sich der arme Kerl dann nicht mal mehr nach Hause, und als er dann irgendwann mal doch nach seiner Wohnung sehen wollte, musste er erfahren, dass sie völlig ausgebrannt ist. Gasexplosion. Und die Polizei hat eine Leiche gefunden, die als er selbst identifiziert wurde, was praktisch Friedos Existenz auf dem Papier ausgelöscht hat.
In dem Motel wo er wohnte, seit er aus der Unterwelt entkommen war, erhielt er bald ne Nachricht von „Unbekannt“, dass man seinen Pass hatte, alle Daten über ihn aus dem Zentralregister der Polizei gelöscht worden waren, und er von nun an so was wie „vogelfrei“ war.
Von diesem Zeitpunkt an lebt der Mann auf der Straße und meidet aufs dringlichste die U-Bahn und ihr Gelände.
Diese Vereinigung von Mördern war also richtig gut organisiert – und ist es höchstwahrscheinlich auch heute immer noch… Ihr müsst euch des echt mal vorstellen: Deine Existenz ausgelöscht, du kannst niemandem mehr erzählen, dass du du bist, weil man dich sonst für verrückt erklärt. Außer wenn du Freunde hast, oder Verwandte, die dir helfen. Aber die bringst du damit dann erst Recht in Gefahr, und das wolln halt doch die wenigsten.
Als ich die Story so weit gehört hatte kam mir natürlich eine bestimmte Frage in den Sinn, nämlich was er denn dann heute grade in den Gewölben da unten zu suchen hatte, wenn er doch so panische Angst vor diesen Menschen dort hat.
Er war auf der Suche nach seinem Pass gewesen. Gefunden hat er ihn nicht, aber er war zufrieden mit den Ergebnissen des Tages, zumal er jemanden aus den Fängen dieser Teufel retten konnte und sogar noch einer von denen das Leben gelassen hatte. Er würde noch öfter versuchen an seinen Ausweis zu gelangen, er wollte sein altes Leben noch nicht aufgeben. Aber trotzdem… er ließ immer durchschimmern, dass er wenig Chancen sah, mehr als die nächsten paar Jahre zu überleben. Diese Leute waren einfach zu mächtig.
Friedo erzählte mir noch viele Einzelheiten des komplexen Systems mit dem diese Paralellwelt unter der Oberfläche gedeckt und geführt wird, wie sie an ihre Opfer kommt und was die gefährlichsten Stationen im Stadtgebiet sind.
Ich lauschte mit angehaltenem Atem seinen Ausführungen und schüttelte nur immer wieder langsam den Kopf. Das alles war so unglaublich.
Diese Monster haben Zugriff auf Stadtarchive, Standesamte, Kundendaten und sogar polizeiliche Akten.
Überall in unterirdischen U-Bahnstationen gibt es kleine Türen in den Wänden, hinter denen man Feuerwehrschläuche oder ähnliches vermutet. Aber durch diese Luken werfen sie ihre komischen Fanglassos aus und ziehen ihre Opfer in ihre Hölle hinab.
Die Kameras an den Stationen sind aus Energiespargründen größtenteils nur Atrappen, und die, die doch echt sind, wechseln sich sogar noch ab. Und natürlich schaffen es die Mitglieder dieses Geheimbundes immer irgendwie zu wissen, wo wann welche Kamera aufzeichnet und wo nicht.
Manchmal fahren sogar unfahrplanmäßige Züge, über die sich besoffene Leute nachts freuen, wenn die Bahn früher kommt als erwartet…
Es sind die verschiedensten VGF-Angestellten eingeweiht: Fahrer, Bauarbeiter, Reinigungskräfte, Aufsichtsratmitglieder und Fahrkartenkontrolleure.
Bevor der Friedo sich dann verabschiedet hat, hatter nur noch gesagt: „Du kennst jetz die Wahrheit, dir wird niemand glauben. Bitte versuch gar nicht, andre zu überzeugen, vor allem nicht Polizei oder VGF-Leitung. Du würdest dich nur wieder in Schwierigkeiten bringen. Fahr ruhig weiter mit der U-Bahn… Aber halt die Augen offen. Vermeide es dringlichst allein in einem U-Bahnwaggon zu sein. Den hintersten Waggon solltest du grundsätzlich meiden.“ Und dann reichte er mir seine Hand und ging wieder seines Weges.
Ich werde ihn natürlich nie vergessen, und das was er für mich an diesem Tag getan hatte. Und es fällt schwer, mir selbst einzugestehen, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach inzwischen tot ist. Seine Leiche irgendwo verschwunden, wo sie nie jemand finden wird.
Und Friedo wird immer nur als der gelten, der bei einer Gasexplosion in seiner Wohnung ums Leben kam und auf dem Armenfriedhof beerdigt wurde, da man keine Verwandten oder Freunde auftreiben konnte…
Nur ich weiß heute, wie es damals wirklich war. Und natürlich all seine Peiniger, die sicher noch die nächsten Jahrzehnte ihr Unwesen treiben werden ohne jemals entdeckt zu werden.
Ich bin danach trotz des Ratschlags von Friedo zur Polizei gegangen, die mir aber nicht zuhörte. Ich sollte wenn schon einen bei der VGF ansprechen, das sei deren Angelegenheit, solange es keine Beweise für ein Verbrechen gibt… Ja.
Ich benutze die U-Bahn noch.
Ich halte mich an die Tipps des alten Obdachlosen und hab immer die Augen nach allen Seiten offen.
Jedes mal wieder ein Horrortrip vom Feinsten, wenn ich in eine U-Bahnstation hinunter geh, die vollkommen leer ist.
Das Knattern der Rolltreppen, bis sie irgendwann ausgehen, ein letzter Windzug von ihnen ausgeht und es komplett still wird im Untergrund.
Die eigenen Schritte, die in der Leere des Bahnsteigs widerhallen.
Das Geräusch der sich nähernden Bahn, das Licht ihrer Scheinwerfer, das langsam aus dem Dunkel des Tunnels auftaucht.
Und schließlich das Zischen wenn die Bahn beim Einfahren in die Station an mir vorbeirauscht, ich das Blut in meinen Ohren hören kann, dann weiß ich, dass ich noch lebe.
Dann, wenn der Zug im Tunnel an Fahrt verliert und langsam zum stehen kommt – An diesem Punkt kann ich nicht mehr sitzen bleiben, ich muss aufspringen und mich paranoid umschauen, das Messer in der Hosentasche umklammert.
Aber bis zum heutigen Tag habe ich nie wieder ein Erlebnis bedrohlicher Art gehabt. Ich hoffe inständig, dass dies bis an mein Lebensende so bleibt.
—@—
Das wars also. Meine Geschichte. Wie anfangs schon gesagt, ihr müsst mir natürlich nicht ein Wort glauben. Dennoch, so denke ich, wird keiner von euch mehr allzu unaufmerksam in einer leeren U-Bahnstation auf die erste Bahn warten. In einem solchen Augenblick werdet ihr zwangsläufig an diese Story hier denken müssen, und das ist auch gut so.
Wie gesagt, ich hab mein Ziel schon erreicht, wenn nur ein Mensch, der hiervon hört, ein bisschen mehr aufpasst, was um ihn herum geschieht. Nicht nur in der U-Bahn. Dieses Beispiel sollte schlicht zeigen, dass es auch in unmittelbarer Nähe zur Öffentlichkeit stets Schlupfwinkel für die tiefsten Abgründe der menschlichen Seele geben kann.
Wobei das größte Problem an so etwas immer die Tarnung ist, mithilfe derer diese verschleierten Strukturen mit der uns umgebenden Gesellschaft verwoben sind, mit ihr bereits seit Jahren eins geworden sind.
So steckt unter der glatten Oberfläche oft eine tiefe, schlammige Schicht, die erst wahrgenommen wird, wenn man durch die angeblich so solide Oberfläche durchbricht und in dem Morast aus animalischen Trieben, Korruption und menschlichem Desinteresse zu versinken droht.

From → Erzählungen

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