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Kalter Tag

3. September 2011

Es war ein kalter Tag. Schnee fiel in wehenden Strudeln, wirbelte im Wind durch das kahle Geäst der Bäume im Park. Die Farbe weiß beherrscht die Szenerie. Alles leuchtet nur matt.
Von oben blickt er auf sich hinab, wie er da reglos im Schnee liegt, auf dem Rücken, die Arme von sich gestreckt.
Sein Atem haucht weißen Nebel in die Luft über sich, sein Brustkorb bebt und hebt das graue Baumwollhemd in unregelmäßigen Abständen an. Sein orangefarbener Anorak hängt geöffnet im Schnee, der sich um ihn herum langsam zentimeterdick aufschichtet. Auf seinem Körper aber hinterlassen die über ihm tanzenden Flocken nur einzelne Kristalle, die innerhalb weniger Augenblicke schmelzen und sich nur noch als Feuchtigkeitsfilm auf seiner Kleidung und seinem vor Blässe leuchtenden Gesicht sammeln. Wie eine Schutzschicht. Seine Wangen tragen ein sanftes Rot, seine Nase dagegen scheint regelrecht zu glühen – in einem beinahe lilafarbenen Schimmer. Die Lider, die den Glanz seiner Augen verdecken, zucken fast unmerklich in zittrigen Rhythmen, als ob ein lebhafter Traum seinen Geist beherrscht. Kein schöner Traum – aber auch kein Albtraum. Nur ein sehr seltsamer Traum, rätselhaft. Ungute Gefühle schürend und deutlich mehr Fragen aufwerfend als Antworten gebend. Ein Traum, dessen Inhalt nicht erinnert wird, der nur ein Empfinden von Trauer, von Beklommenheit – ja vielleicht auch von Sehnsucht hinterlässt. Ein Traum, der beunruhigt.
Auf der versteinert wirkenden Miene seines Gesichts meint er dennoch kurz ein befreites Lächeln aufblitzen zu sehen. Mit dem letzten Schwall von Kondensat, das seinen offenen Mund verlässt, entsteigt auch der Rest an Leben diesem Leib.
Er steht auf, klopft sich den Schnee von den Hosenbeinen, wischt sich die Nässe von seiner Jacke und seine taubgefrorene Hand streicht durchs Haar.
Wie er sie hasste, diese Träume. Wo war er? Er blickt sich schüchtern um. Er ist allein. Der Sonnenstand deutet auf Vormittag hin und er erkennt den Park. Hier war er vor Jahren einmal spazieren gegangen. Allein – wie immer – und hatte nachgedacht. Damals war es ein heißer Sommertag gewesen.
Er holt tief Luft und macht sich auf den langen Weg nach Hause. Die Hände in den Taschen, den Blick gesenkt.
Der leblose Körper im Schnee verströmte noch Wärme, aber Kälte machte sich breit. Der Schneefall wurde stärker und die Flocken bedeckten den Leichnam langsam mit Zeit. Von weitem hätte man nur noch das grelle Orange seiner Jacke hier und da durch die weiße Decke schimmern sehen. Bald würden die Kinder dort auf dem Spielplatz drüben Schneemänner bauen, Schneeballschlachten kämpfen und … vielleicht auch Schneeengel in den Boden hampeln. Wie nah doch Gut und Böse, Leben und Tod, Himmel und Hölle dann und wann beieinander liegen – und doch so weit voneinander entfernt sind.
Zuhause angekommen blickt er in den Spiegel. Das eisblaue Leuchten in seinen Augen, das ihn einst relativ hübsch hatte aussehen lassen, war schon lange verschwunden. Er befreite seinen bibbernden Körper von den vor Nässe triefenden Kleidern, schleuderte sie in eine Ecke des Kabuffs. Dann ging er zu Bett – und zitterte sich unter dem Weiß seiner Decke in den Schlaf.
Ein traumloser Schlaf. Das Lächeln war wieder da.

From → Kurzgeschichten

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