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Irgendwo im Ostend

3. September 2011

„Haste no net gehöat? Jassin wurd abgestochn.“ – „Ja, von Nuri, ´ch weiß – aber dem geht’s doch wieder besser, oder?“ – „Aller, der is tot, mann, weisstu no net??“
Ungläubig starrt der kleine Alex seinen ihn in Höhe und Breite um Dimensionen übertreffenden Gesprächspartner an und schüttelt entschieden den Kopf.
„Nein mann, der lebt noch, ders nur in Krankenhaus.“ – „Der is in Krankenhaus gestorben nach zwei Tagn, stand sogar in Zeitung!“
Die Augen des Kleinen treten aus ihren Höhlen, ein Moment ohne Regung – der offenstehende Mund zuckt unmerklich, als den ersten Schock erneute Ungläubigkeit vertreibt.
„Wasss, nein mann, ich hab doch selbst gelesen, der war nur in Koma, Kollege hat mir den Text rausgerissn … Hier, kuck!“ Der Klotz aber winkt nur ab, als ihm ein zerknitterter Artikel aus dem Nordwest-Boten entgegengestreckt wird. „Ey, glaubstu mir net oder was, frag die alle,“ der Afghane deutet in die Runde seiner ebenso breitschultrigen Freunde.
„Nomaal, Jassin is tschaau, Nurrri hat ihn eiskalt abgestochn aller.“ Nickt einer der beiden anabol-missbrauchenden Jugoslawen, ein Türke mit blondgefärbtem Irokesenschnitt bestätigt mit einem „Walla!“ seinen Kollegen vom Balkan.
„Eyyy – halsmaul, des kann doch net sein, mann,  Jassin is tot oder wie??“ Jetzt kuckt der Kleine mich an, und erwartet natürlich irgendeine Reaktion von mir, als seinem sogenannten „Brrruda“. Also zieh ich die Brauen hoch und stoß einen undefinierbaren Laut aus, der meine (tatsächlich ein wenig ernstgemeinte) Geschocktheit ausdrücken soll. Aber mein Kollege hat sich schon wieder an die Gruppe Ostender gewandt.
„Aaaller, wie gut kanntet ihr Jassin? War der öfters hier?“ – „Geht, geht, man hat sich schon gesehn manchma, hat immer Odd bei Kawa geholt, wenn Eissporthalle tot war. War guter Junge, aber …“ Der hünenhafte Afghane lässt seinen grimmig-verspannten Lippen eins dieser „so-ist-das-leben“-Tja-Geräusche entfahren, „… was sollma machen, halt. Nuri der Baastard. Hat kein Rrrespekt.“
Der Kleine blickt leicht apathisch ins Nichts während er offenbar einen weiteren Versuch unternimmt, sich selbst zu beruhigen indem er Zweifel an der Geschichte hegt. Da fällt sein Blick auf den sich nähernden Schwarzen, der bis eben am Kiosk ein paar Meter weiter stand und lauthals mit dem italienischen Besitzer um die Frist für seine Zigarettenschulden und seine allgemeine Kreditwürdigkeit verhandelt hatte.
„Ey, Mattan, sag du, is Jassin aus Bornheim echt gestorben in Krankenhaus von dem Stich von Nuri?? Die sagen des alle, aber ich wills nich glauben, aller!“
Ich meine aus dem Augenwinkel zu erkennen, wie der Afghane dem Schwarzen ein nickendes Augenzwinkern zuwirft, doch dessen Registrieren desselbigen und die daraus resultierende kurze Verwirrtheit auf seinem schwarzen Gesicht scheinen meinen kurz vorm Herzstillstand stehenden Freund nicht erreicht zu haben, als besagter Mattan ihm ein hektisches „Jaaa, mann, miese Scheise diese Sache, Nuri der kleine Pisser!“ entgegenwirft.
Langsam scheint Alex überzeugt zu sein.
Ich bin mir inzwischen auch nicht mehr sicher, was abgeht.
Weder weiß ich so recht, ob die Gestalten uns echt die ganze Zeit verarschen wollen, noch bin ich mir darüber im Klaren, inwieweit mich der eventuelle Tod dieses Jassins überhaupt berühren soll. Immerhin kannte ich ihn auch vom sehen und hab den ein oder anderen Joint mit ihm geraucht. Außerdem ist er natürlich ein ziemlich guter Kollege von Alex – für ihn muss es also tatsächlich ne harte Neuigkeit sein.
Naja, ich machs wie immer in solchen uneindeutigen Situationen und steh erstmal einfach mehr oder weniger cool in der Gegend rum und warte, wie um mich herum agiert wird.
Für den kleinen Alex scheint´s genug zu sein, er hat keinen Nerv mehr, die Dinge zu hinterfragen – so wirkt es im Moment zumindest auf mich. Also machen wir uns – auf einen wartenden Bekannten hinweisend – nach obligatorischem Handschlag mit der ganzen Gruppe auf den Weg Richtung Straßenbahn.
Als wir außer Sicht- oder wenigstens Hörweite sind, fängt Alex dann doch wieder an zu zweifeln.
„Ey, ich glaubs nicht, dass Jassin tot is, ich wills net glauben, aller! Ich ruf den jetz auf Handy an, ich muss selbst abchecken, was abgeht. Diese Typen labern eh viel zu viel Scheiße am Tag. Außerdem, als ob Mattan des so locker nehmen würde, der kennt den schon seit Grundschule, die warn beide Uhlandschule da hinten, als ob er einfach so sagt – Ja, mann, scheise mann, schlimme Sache – Der würd so oder so Nuri suchen und ganz Ostend auf den hetzen, oder nich? Du kennst Mattan.“ – „Jaaa, ich glaub irngwie auch, dass da was nich stimmt …“ lasse ich vorsichtig verlauten. Hinter meiner Stirn rattern die Zahnräder. Wie reagiere ich im Fall der Fälle??
Wir erreichen die Telefonzelle. Handy raus, zitternde Finger suchen die Nummer – klk-klk-klk-klk … klk-klk-klk-klk-klk … klk-klk … klk. Er glotzt mit starrer Miene aufs kleine Display des öffentlichen Münzfernsprechers. Dann ein Zucken in seinen Augenlidern.
„Es klingelt schomma …“ nickt er mir hoffnungsvoll zu. Ich hebe sanft den Kopf, doch als ich den Mund (völlig intentionslos, bloß um die Spannung etwas dramatischer zu veranschaulichen) leicht öffne, hält er nur abweisend die Hand in meine Richtung, dass ich bloß ruhig bin. Dann tut sich offenbar was in der Leitung:
„Eeeey! Jassin?!! Bistuhs, ja?? – Aller …“ Er fasst sich – dem Herzinfarkt offenbar nur knapp entkommen – an die Brust und … „Hört sich jetz dumm an, aber …“ Schelmisch verzieht sich sein Gesicht, „Bistu am leben, ja?“
Da kann sogar ich mir ein erleichtertes Grinsen nicht verkneifen.
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From → Kurzgeschichten

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